vom wesen der verdauung · wie die welt zu uns wird

es gibt vorgänge im menschlichen körper, die so alltäglich sind, dass wir ihre eigentliche ungeheuerlichkeit kaum noch bemerken. die verdauung gehört für mich dazu. wir nehmen etwas von der welt in den mund. eine karotte. eine pflaume. ein stück brot. olivenöl. salz. wasser. dinge, die bis eben noch eindeutig außerhalb von uns waren. und einige stunden später lässt sich kaum noch sagen, wo die welt aufgehört und der mensch angefangen hat. vielleicht beginnt verdauung genau dort: an dieser merkwürdigen grenze zwischen außen und innen. wir essen welt und machen daraus für eine Weile mensch.

eigentlich beginnt dieser vorgang schon bevor wir essen. ein geruch erreicht die nase, wir sehen etwas, das wir mögen, vielleicht hören wir sogar das knacken einer brotkruste und der körper beginnt sich vorzubereiten. speichel fließt. der magen stellt sich ein. nervensystem und verdauungsorgane treten miteinander in kontakt. der nervus vagus spielt dabei eine wichtige rolle. er zieht vom hirnstamm durch hals und brustraum bis weit in den bauch und verbindet auf seinem weg welten miteinander, von denen wir gern so sprechen, als wären sie voneinander getrennt. gehirn. herz. lunge. magen. darm. der mensch ist anatomisch schon viel weniger aufgeteilt, als unsere sprache vermuten lässt.

im mund beginnt die mechanische zerkleinerung. die zähne zermahlen, die zunge bewegt, speichel macht gleitfähig und die α-amylase beginnt bereits, stärke zu zerlegen. wir nennen es kauen. chemisch gesehen hat die verwandlung längst begonnen. dann schlucken wir. der bolus wandert durch den oesophagus, passiert den unteren oesophagussphinkter und erreicht den ventriculus, den magen.

ich mag den magen. vielleicht weil er etwas kann, das wir im leben oft mühsam lernen: er nimmt etwas auf und verändert es gründlich, ohne selbst daran zugrunde zu gehen. seine belegzellen bilden hydrochlorid, salzsäure. der pH-wert sinkt. eiweiße verändern ihre struktur, pepsin beginnt sie zu zerlegen. gleichzeitig schützt sich die magenwand mit schleim und bicarbonat vor ihrer eigenen säure. auch das finde ich bemerkenswert. der körper erzeugt etwas sehr kraftvolles und erzeugt gleichzeitig eine grenze, damit diese kraft dort wirken kann, wo sie hingehört.

vielleicht ist eine gesunde grenze überhaupt weniger eine mauer als eine schleimhaut. durchlässig für manches. verschlossen für anderes. empfindlich. lebendig. ständig prüfend.

der magen gibt seinen inhalt portionsweise durch den pylorus an das duodenum weiter. und dort wird es beinahe orchestral. die bauchspeicheldrüse, das pancreas, gibt bicarbonat hinzu und hebt damit den sauren pH-wert wieder an. außerdem kommen enzyme: trypsin und chymotrypsin für proteine, pankreasamylase für kohlenhydrate, pankreaslipase für fette. die leber produziert galle, die in der gallenblase gesammelt und konzentriert wird. sobald fett im dünndarm ankommt, wird sie gebraucht. gallensäuren helfen dabei, große fetttropfen in kleinere einheiten zu verteilen, damit enzyme überhaupt vernünftig an ihnen arbeiten können.

und während wir vielleicht am tisch sitzen und sagen, dass die focaccia heute besonders gut geworden ist, findet im inneren eine hochpräzise chemische veranstaltung statt. der dünndarm faltet sich. falten tragen zotten, zotten tragen mikrovilli. oberfläche entsteht aus oberfläche aus oberfläche. würde der darm einfach ein glattes rohr bilden, könnte er seine arbeit kaum leisten. er vergrößert seine berührungsfläche mit der welt, um aus ihr aufnehmen zu können.

auch das ist ein schönes körperliches prinzip. aufnahme braucht berührung.

an dieser grenze werden die großen bestandteile unserer nahrung immer kleiner. kohlenhydrate werden zu monosacchariden wie glucose, fructose und galactose. proteine zu aminosäuren und kleinen peptiden. fette zu fettsäuren und monoglyceriden. lactase, maltase, sucrase-isomaltase und andere enzyme arbeiten an der bürstensaummembran weiter. dann geschieht etwas, das ich beinahe noch erstaunlicher finde als die zerlegung: der körper entscheidet, was hindurch darf.

ein großer teil der aufgenommenen nährstoffe gelangt über die vena portae zuerst zur leber. und die leber ist eine eigene welt. sie speichert, baut um, entgiftet, synthetisiert, verteilt. glucose kann als glycogen aufgehoben werden. aminosäuren werden weiterverarbeitet. fremdstoffe werden verändert. die leber ist vielleicht eine der großen alchemistinnen des menschlichen körpers. sie bekommt etwas angeliefert und fragt gewissermaßen: was davon können wir verwenden? was speichern wir? was verändern wir? was muss wieder hinaus?

fette nehmen teilweise einen anderen weg. sie werden in den darmzellen wieder zusammengesetzt, zu chylomikronen verpackt und zunächst über die lymphgefäße transportiert. selbst innerhalb einer einzigen mahlzeit gibt es also verschiedene straßen in den menschen hinein.

und dann kommt der dickdarm, das colon. lange wurde über ihn gesprochen, als wäre er vor allem für wasserentzug und ausscheidung zuständig. inzwischen wissen wir, wie lebendig diese landschaft ist. milliarden mikroorganismen wohnen dort. bakterien verstoffwechseln bestandteile, mit denen unsere eigenen enzyme wenig anfangen können. aus ballaststoffen entstehen unter anderem kurzkettige fettsäuren wie acetat, propionat und butyrat. besonders butyrat dient den zellen der dickdarmschleimhaut als wichtige energiequelle. wir ernähren mit unserem essen also keineswegs nur uns selbst.

wir füttern ein ökosystem. und dieses ökosystem lebt mit uns. ich finde es interessant, dass wir so gern von „meinem körper“ sprechen. schon im darm wird dieser besitzanspruch etwas schwierig. wer ist dieses mein, wenn unzählige andere lebewesen daran beteiligt sind, dass dieses mein überhaupt funktioniert?

auch das immunsystem sitzt zu einem beträchtlichen teil an dieser grenze. das ergibt sinn. der darm muss jeden tag Fremdes hereinlassen, ohne allem Fremden Zugang zum gesamten Körper zu geben. er muss unterscheiden. nahrung. mikroorganismus. harmlos. gefährlich. bekannt. unbekannt. aufnehmen. tolerieren. abwehren. die darmwand ist damit keineswegs bloß eine wand. sie ist eine hochaktive begegnungsfläche.

die verdauung berührt mich deshalb auch jenseits ihrer physiologie. wir sprechen davon, dass wir ein erlebnis erst einmal „verdauen“ müssen. etwas schlägt uns „auf den magen“. wir haben „bauchgefühl“. etwas ist „schwer verdaulich“. unsere sprache hat lange vor vielen modernen erklärungsmodellen bemerkt, dass aufnehmen mehr bedeutet als essen.

ich würde daraus keine einfache gleichung machen. ein magenproblem erzählt nicht automatisch eine bestimmte seelische geschichte und eine darmerkrankung lässt sich nicht auf einen ungelösten konflikt reduzieren. der mensch ist interessanter als solche tabellen. und doch leben nervensystem, hormone, immunsystem, mikrobiom und verdauung in einem fortwährenden gespräch miteinander. angst kann den darm verändern. stress kann motilität beeinflussen. ein geruch kann speichel fließen lassen. übelkeit kann entstehen, bevor der verstand überhaupt benennen kann, was gerade geschehen ist. der körper hört mit.

verdauung ist irgendwie ein schönes wort für eine viel größere menschliche fähigkeit. wir nehmen welt auf. essen. blicke. gerüche. worte. begegnungen. verluste. liebe. information. farben. landschaften. manches kann unmittelbar durch uns hindurchgehen. manches braucht zeit. manches wird Teil unserer Geschichte. manches nähren wir weiter, obwohl es uns längst nicht mehr schmeckt. manches scheiden wir aus. und manches verändert uns so vollständig, dass später kaum noch zu erkennen ist, woher es einmal kam.

ich denke beim kochen oft daran. eine rote bete wächst monatelang in dunkler erde. eine linse trägt die information einer pflanze. salz kommt aus meer oder gestein. ein apfel hat sonnenlicht gebunden. kräuter bilden ätherische öle. ein sauerteig ist selbst schon eine gemeinschaft aus mikroorganismen. wir schneiden, mahlen, fermentieren, erhitzen, würzen und verbinden diese verschiedenen lebensgeschichten miteinander und stellen sie einem anderen körper hin.

kochen ist genau deshalb tatsächlich eine form von alchemie. materie wechselt ihre gestalt. und irgendwann sitzt ein mensch vor einem teller, nimmt den ersten bissen, kaut, schluckt und übergibt ihn einer uralten intelligenz, die keine rezepte liest und doch sehr genau weiß, was als nächstes zu tun ist. ein paar stunden später ist aus einem teil der welt ein teil dieses menschen geworden.

ich kenne kaum etwas Alltäglicheres. und kaum etwas Magischeres

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die schilddrüse · über ein kleines organ, das mit dem ganzen menschen spricht