die lunge · vom austausch mit der welt
ich würde dir gern erzählen, dass atmen eine ziemlich einfache sache ist. luft hinein. luft hinaus. ungefähr zwanzigtausendmal am tag und die meiste zeit, ohne dass wir auch nur einmal daran denken müssen. vielleicht gehört der atem gerade deshalb zu diesen eigenartigen wesen, die uns ein ganzes leben lang so nah sind, dass wir irgendwann glauben, wir würden sie kennen.
wieviel welt ist ein mensch?
manchmal glaube ich, wir stellen beim essen die falsche frage. wir fragen, wie viel protein etwas enthält. wie viele kohlenhydrate. wie viele kalorien. wie viel omega-3. wir rechnen, vergleichen, ergänzen, optimieren. und selbstverständlich hat dieses wissen seinen wert. ein körper braucht stoffe. aminosäuren, essentielle fettsäuren, mineralstoffe, vitamine, glucose. er besitzt sehr konkrete bedürfnisse und sehr konkrete grenzen. mich beschäftigt inzwischen eine andere frage: was geschieht eigentlich mit der welt, wenn ein mensch sie isst?
der mund · von einem tor, das nach innen und außen führt
ich erforsche den mund.
das klingt zunächst nach einem überschaubaren körperteil. ein paar zentimeter zwischen lippen und rachen. und doch komme ich, je genauer ich ihn betrachte, auf immer mehr wege, die von hier aus durch den menschen führen.
vom bleiben und gehen · die niere und die kunst des unterscheidens
ich habe zwei nieren. das ist zunächst keine besonders aufregende feststellung. zwei lungenflügel, zwei augen, zwei ohren, zwei nieren. der mensch scheint manches gern doppelt mitzubringen. bei den nieren wird diese selbstverständlichkeit allerdings erstaunlich, sobald man erfährt, dass ein mensch mit einer einzigen gesunden niere gewöhnlich gut leben kann.
die lunge · wenn die welt eng wird
es gibt sätze, die wir benutzen, als wären sie bilder, und vielleicht sind sie viel weniger bild als wir denken. mir bleibt die luft weg. es schnürt mir die kehle zu. ich bekomme keine luft. mir steckt etwas im hals. ich kann nicht durchatmen. ich brauche luft. der mensch hat für seine körperlichen zustände und für sein leben dieselben worte gefunden und ich mag den gedanken, dass die sprache hier etwas längst bemerkt hat, das wir später in physiologie, pathologie, psychologie und spiritualität wieder auseinandergelegt haben.
die schilddrüse · über ein kleines organ, das mit dem ganzen menschen spricht
ich hatte eine pathologielehrerin namens griselda. sie konnte über krankheiten sprechen, als wären sie keine fehler im system, sondern kreative ideen, auf die ein lebender organismus gekommen war. bei morbus basedow sagte sie einmal sinngemäß: schaut einmal, wie kreativ dieses wesen ist. den genauen satz habe ich vergessen, seinen klang habe ich behalten. denn bei morbus basedow geschieht tatsächlich etwas, das beinahe erfunden klingt. der körper bildet antikörper, die an einen rezeptor passen, der eigentlich auf ein hormon wartet.
vom wesen der verdauung · wie die welt zu uns wird
es gibt vorgänge im menschlichen körper, die so alltäglich sind, dass wir ihre eigentliche ungeheuerlichkeit kaum noch bemerken. die verdauung gehört für mich dazu. wir nehmen etwas von der welt in den mund. eine karotte. eine pflaume. ein stück brot. olivenöl. salz. wasser. dinge, die bis eben noch eindeutig außerhalb von uns waren. und einige stunden später lässt sich kaum noch sagen, wo die welt aufgehört und der mensch angefangen hat.