vom bleiben und gehen · die niere und die kunst des unterscheidens
ich habe zwei nieren. das ist zunächst keine besonders aufregende feststellung. zwei lungenflügel, zwei augen, zwei ohren, zwei nieren. der mensch scheint manches gern doppelt mitzubringen. bei den nieren wird diese selbstverständlichkeit allerdings erstaunlich, sobald man erfährt, dass ein mensch mit einer einzigen gesunden niere gewöhnlich gut leben kann. wir tragen also zwei organe in uns, obwohl eines unter günstigen bedingungen einen erstaunlich großen teil der arbeit übernehmen kann. die verbleibende niere kann sich nach dem verlust der anderen sogar anpassen. ihre filtereinheiten arbeiten stärker, sie wird häufig etwas größer und übernimmt mehr. ich weiß nicht, weshalb mich solche dinge am körper so interessieren. vielleicht weil wir so oft von effizienz sprechen und das leben selbst offenbar gern reserve einbaut. spielraum. etwas mehr, als für den nächsten augenblick unbedingt nötig wäre.
die nieren liegen hinten im körper, rechts und links der wirbelsäule, ungefähr unter den unteren rippen. die rechte meist etwas tiefer, weil über ihr die leber viel platz beansprucht. von außen sehen sie beinahe schlicht aus. bohnenförmig. rotbraun. etwa faustgroß. schneidet man eine niere gedanklich auf, beginnt allerdings eine landschaft. außen die nierenrinde, innen das nierenmark mit seinen pyramiden. deren spitzen münden über kleine und große nierenkelche in das nierenbecken und von dort führt der harnleiter zur blase. fast wie ein flusssystem, nur dass dieses wasser nicht vom berg ins tal kommt. es wird aus unserem eigenen blut gewonnen. und dann wird die niere sehr klein. ungefähr eine million nephronen befinden sich in jeder niere. nephron nennt man ihre kleinste funktionelle einheit. jedes beginnt mit einem winzigen gefäßknäuel, dem glomerulus. blut kommt dort an und wird unter druck durch eine hochselektive filterbarriere gepresst. blutzellen und große eiweiße bleiben normalerweise im blut. wasser und viele kleinere gelöste stoffe passieren dagegen die filterbarriere und gelangen zunächst in den primärharn. darunter sind glucose, salze, aminosäuren, bicarbonat und harnstoff. das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass all diese stoffe den körper verlassen. glucose und aminosäuren werden unter normalen bedingungen nahezu vollständig zurückgeholt, auch wasser, salze und bicarbonat werden zu großen teilen rückresorbiert und sehr genau reguliert. harnstoff dagegen gehört zu den stoffen, von denen ein teil tatsächlich ausgeschieden wird. vieles, was für den körper kostbar ist, landet also zunächst im selben filtrat wie das, was ihn später verlassen soll. das finde ich erstaunlich an der niere: sie entscheidet nicht gleich am eingang. sie filtert zunächst ungeheuer großzügig. ein erwachsener mensch bildet auf diese weise ungefähr 180 liter primärharn am tag. 180 liter. beinahe eine badewanne voll. und trotzdem gehen wir am ende des tages vielleicht mit anderthalb litern urin zur toilette. der rest wurde zurückgeholt. eigentlich müsste man diesen satz zweimal lesen. die niere filtert jeden tag eine gewaltige menge flüssigkeit aus dem blut und nimmt anschließend fast alles wieder zu sich zurück.
entlang der feinen röhrchen des nephrons, der tubuli, beginnt dieses zurückholen. wasser kehrt ins blut zurück. natrium wird fein reguliert. glucose wird bei gesunden blutzuckerwerten nahezu vollständig zurückgewonnen. aminosäuren ebenfalls. bicarbonat wird bewahrt oder neu gebildet und hilft dabei, den säure-basen-haushalt stabil zu halten. andere stoffe werden zusätzlich aus dem blut in den tubulus abgegeben. filtration. rückresorption. sekretion. drei medizinische wörter für eine tätigkeit, die man auch einfacher beschreiben könnte: anschauen. zurückholen. loslassen. vielleicht fällt mir die niere deshalb so auf. mein purpose ist im gene-key-system die 10. dort begegnet mir immer wieder das natürliche sein, das wohnen im eigenen wesen, eine form von verkörperung, die weniger damit zu tun hat, etwas aus sich zu machen, als immer genauer das zu leben, was da ist. und dann schaue ich in eine niere und finde ausgerechnet dort ein organ, das seit meiner geburt ohne jede philosophische anstrengung unterscheidet, was zu mir zurückkehren soll und was mich verlassen darf. dabei ist ihre entscheidung keineswegs starr. die niere fragt fortwährend nach den gegenwärtigen verhältnissen. wie viel wasser befindet sich im körper? wie konzentriert ist das blut? wie viel natrium ist vorhanden? wie steht es um kalium? wie sauer sind wir gerade? wie hoch ist der druck in den gefäßen? wenn wir wenig getrunken haben, kann unter dem einfluss des antidiuretischen hormons adh mehr wasser zurückgewonnen werden. der urin wird konzentrierter. trinken wir viel, kann mehr wasser ausgeschieden werden. das klingt banal, bis man versteht, wie fein diese regulation sein muss. unsere zellen leben in einer flüssigen innenwelt, deren zusammensetzung nur innerhalb bestimmter grenzen funktionieren darf. zu viel oder zu wenig natrium verändert, wohin wasser wandert. kalium beeinflusst unter anderem die elektrische erregbarkeit von nerven- und muskelzellen und damit auch das herz. der ph-wert des blutes muss in einem sehr engen bereich bleiben. die niere sitzt mitten in all diesen verhältnissen und korrigiert fortwährend. wir trinken also ein glas wasser und irgendwo tief im rücken wird entschieden, wie viel davon welt bleiben darf und wie viel davon mensch werden soll.
und selbst der blutdruck führt durch die niere. das finde ich besonders schön, weil wir beim blutdruck meistens zuerst an das herz denken. doch die niere beobachtet gewissermaßen, wie gut sie selbst durchblutet wird. sinkt der druck oder kommt in bestimmten abschnitten des nephrons zu wenig natriumchlorid an, können spezialisierte zellen des juxtaglomerulären apparates renin freisetzen. damit beginnt das renin-angiotensin-aldosteron-system, kurz raas. aus angiotensinogen entsteht über mehrere schritte angiotensin II. gefäße können sich verengen, aldosteron sorgt dafür, dass die niere mehr natrium zurückhält, wasser folgt dem natrium und das zirkulierende volumen kann steigen. ganz konkret: die niere kann dazu beitragen, dass mehr flüssigkeit im gefäßsystem bleibt und der blutdruck wieder steigt. das bedeutet allerdings auch: wenn dieses system dauerhaft zu stark aktiviert ist oder die nieren selbst erkranken, können niere und bluthochdruck sich gegenseitig beeinflussen. hoher druck kann die feinen gefäße und filterstrukturen der niere schädigen. eine geschädigte niere wiederum kann an einer gestörten blutdruckregulation beteiligt sein. plötzlich gibt es kaum noch einen sinnvollen anfang der geschichte. herz, gefäße, blut und niere stehen längst miteinander im gespräch.
und dann tut die niere noch etwas, das man einem urinbildenden organ wirklich nicht sofort zutrauen würde. sie fragt nach sauerstoff. bestimmte zellen der niere registrieren, wenn das gewebe über längere zeit zu wenig sauerstoff bekommt. daraufhin kann vermehrt erythropoetin, kurz epo, gebildet werden. epo gelangt über das blut zum knochenmark und regt dort die bildung roter blutkörperchen an. rote blutkörperchen transportieren über ihr hämoglobin sauerstoff. das muss man sich einmal vorstellen. die niere bemerkt einen mangel an sauerstoff und schickt eine nachricht an das knochenmark: wir brauchen mehr rote blutkörperchen. und das knochenmark antwortet. bei einer fortgeschrittenen chronischen nierenerkrankung kann deshalb eine anämie entstehen. die menschen können müde, blass, weniger belastbar oder kurzatmig werden. die ursache liegt dann nicht zwingend darin, dass mit dem blut selbst etwas begonnen hat. eine niere kann aufgehört haben, ausreichend von jener botschaft zu senden, die dem knochenmark sagt, dass es neues blut bilden soll. solche zusammenhänge machen mir den menschlichen körper immer wieder vollkommen fremd und gleichzeitig vertraut. wir teilen ihn gedanklich in organe ein, weil wir ihn sonst kaum lernen könnten. niere. herz. knochenmark. lunge. gefäße. als wären dort saubere grenzen. der körper selbst scheint diese einteilung kaum zu kennen. eine niere spricht mit einem knochen. eine lunge verändert das blut. das blut verändert die niere. die niere verändert den druck, unter dem dieses blut wieder durch die lunge und das herz reist.
und noch etwas macht sie: sie beteiligt sich daran, vitamin d in seine hormonell wirksame form umzuwandeln. damit reicht ihre arbeit bis in calciumhaushalt und knochenstoffwechsel. eine schwere chronische nierenerkrankung kann deshalb irgendwann auch die knochen berühren. wieder so eine seltsame entfernung: etwas geschieht tief hinten unter den rippen und jahre später erzählt ein knochen davon. wenn die filterfunktion nachlässt, wird deshalb auch nicht einfach nur „weniger urin gereinigt“. das ganze innere milieu kann sich verschieben. harnpflichtige stoffe können sich im blut anreichern. wasser und natrium können schlechter ausgeschieden werden, ödeme können entstehen. kalium kann gefährlich ansteigen und damit die elektrische arbeit des herzens beeinflussen. der säure-basen-haushalt kann entgleisen. blutdruck, blutbildung und knochenstoffwechsel können sich verändern. erstaunlicherweise kann ein mensch trotz deutlich eingeschränkter nierenfunktion weiterhin urin produzieren. urinmenge und reinigungsleistung sind nicht dasselbe. vielleicht ist das eines dieser dinge, die man einmal gehört haben sollte. ein behälter kann sich füllen und trotzdem kann die chemische arbeit dahinter bereits erheblich gestört sein.
das ist unter anderem die erstaunliche größe der niere: sie reinigt das blut eigentlich nicht wie ein sieb, das schmutz auffängt. sie erhält eine zusammensetzung. sie bewahrt eine innere welt. wasser. salze. säuren. basen. druck. sauerstofftransport. ausscheidung. immer wieder verschiebt sie kleinste mengen, damit der ganze mensch in einem bereich bleibt, in dem seine zellen leben können. ich frage mich, ob wir gleichgewicht manchmal viel zu still denken. als wäre es ein zustand, den man irgendwann erreicht und dann besitzt. in der niere sieht gleichgewicht vollkommen anders aus. dort wird jede sekunde gefiltert, zurückgeholt, ausgeschieden, gemessen, angepasst. gleichgewicht ist dort keine ruhe. es ist bewegung, die so genau geworden ist, dass sie wie ruhe aussieht.
das ist eine der erstaunlichsten geschichten, die der körper über das leben erzählt, findest du auch?