die lunge · wenn die welt eng wird
es gibt sätze, die wir benutzen, als wären sie bilder, und vielleicht sind sie viel weniger bild als wir denken. mir bleibt die luft weg. es schnürt mir die kehle zu. ich bekomme keine luft. mir steckt etwas im hals. ich kann nicht durchatmen. ich brauche luft. der mensch hat für seine körperlichen zustände und für sein leben dieselben worte gefunden und ich mag den gedanken, dass die sprache hier etwas längst bemerkt hat, das wir später in physiologie, pathologie, psychologie und spiritualität wieder auseinandergelegt haben.
enge ist eine körperliche erfahrung und eine menschliche. angst ebenso. und wenn ein mensch sagt, er bekomme keine luft, beginnt für mich deshalb eine forschung, in der ich wissen möchte, was seine bronchien tun, was sein blut tut, was sein vegetatives nervensystem tut, was sein kehlkopf tut und gleichzeitig, in welcher welt dieser mensch gerade atmet.
in meiner heilpraktikerausbildung lernte ich, bei atemnot genau hinzusehen, weil dyspnoe zunächst ein symptom ist und noch keine diagnose. asthma bronchiale, COPD, pneumonie, pneumothorax, lungenembolie, herzinsuffizienz, anämie, allergische reaktion, hyperventilation und andere zustände können sich auf sehr unterschiedliche weise mit dem satz zeigen: ich bekomme keine luft. schon die frage, ob die schwierigkeit beim einatmen oder beim ausatmen liegt, kann eine spur legen.
beim asthma bronchiale liegt die enge in den unteren atemwegen. die bronchien sind lebendige röhren, ausgekleidet mit schleimhaut, umgeben von glatter muskulatur und empfindlich für das, was ihnen begegnet. bei asthma kommen mehrere dinge zusammen: die bronchialmuskulatur kontrahiert, die schleimhaut schwillt an, zäher schleim kann entstehen. bronchospasmus, schleimhautödem, hypersekretion. drei verschiedene vorgänge, die denselben ohnehin kleinen raum noch kleiner machen. vor allem das ausatmen wird erschwert. die luft kommt hinein und findet schlechter wieder hinaus. sie kann sich hinter den verengten abschnitten sammeln, air trapping, und der mensch versucht verständlicherweise noch mehr zu atmen, während ein teil seiner lunge eigentlich damit beschäftigt ist, die vorhandene luft wieder loszuwerden.
manchmal hört man das giemen und pfeifen schon ohne stethoskop, manchmal erst bei der auskultation. das exspirium kann verlängert sein. bei ausgeprägter obstruktion werden atemhilfsmuskeln eingesetzt, der mensch richtet sich auf, stützt vielleicht die arme ab und versucht seinem thorax mehr möglichkeit zu geben. und wenn bei schwerer atemnot plötzlich kaum noch atemgeräusch zu hören ist, ist die stille keineswegs automatisch beruhigend. ein silent chest kann bedeuten, dass so wenig luft bewegt wird, dass kaum noch etwas zu hören ist. auch das lernte ich an der medizin lieben: dass man genau hinschauen muss, weil ein zeichen manchmal das gegenteil dessen bedeutet, was man zunächst vermuten würde.
beim allergischen asthma kann die geschichte bereits beginnen, bevor der mensch überhaupt merkt, dass etwas geschieht. ein allergen trifft auf ein immunsystem, das dieses eine stück welt als bedeutsam erkennt. IgE sitzt auf mastzellen, histamin und leukotriene werden freigesetzt, eosinophile granulozyten beteiligen sich an der entzündlichen antwort, die bronchien werden hyperreagibel. pollen fliegt durch zwei menschen hindurch und zwei körper erzählen vollkommen verschiedene geschichten darüber. das fasziniert mich. denn was ist ein reiz? wann wird etwas Fremdes zur gefahr? wie entscheidet ein system, worauf es antwortet?
medizinisch können wir rezeptoren, immunzellen, mediatorstoffe und entzündungswege beschreiben und gleichzeitig bleibt für mich die größere frage bestehen, wie unterschiedlich ein mensch welt empfängt. ich glaube nicht, dass diese ebenen einander stören. im gegenteil. je genauer ich den körper kennenlerne, desto größer wird das mysterium.
und dann gibt es jene andere form der atemnot, von der mir viele menschen erzählen: die panikattacke. ein mensch sitzt vielleicht in einem zug, in einem restaurant, im bett oder irgendwo mitten in seinem gewöhnlichen leben und plötzlich verändert sich alles. das herz beschleunigt sich, der thorax fühlt sich eng an, der atem wird schneller, vielleicht entsteht der dringende eindruck, nicht tief genug einatmen zu können. also atmet der mensch mehr. noch einmal tief. noch einmal. er sucht nach diesem einen atemzug, der endlich bis ganz nach unten reicht. und ausgerechnet dieses Mehr kann den körper weiter verändern.
bei einer hyperventilation wird mehr CO₂ abgeatmet, als der stoffwechsel in diesem moment bildet. der arterielle CO₂-partialdruck sinkt, Kohlensäure nimmt ab, der pH-wert steigt: respiratorische alkalose. und nun entstehen empfindungen, die eine ohnehin alarmierte wahrnehmung sehr ernst nehmen muss. schwindel, benommenheit, kribbeln an fingern und um den mund, herzklopfen, druck, fremdheitsgefühle, manchmal eine pfötchenstellung der hände durch neuromuskuläre übererregbarkeit. durch die alkalose verändert sich unter anderem die bindung von calcium an albumin, das frei verfügbare ionisierte calcium kann sinken. gleichzeitig können sich hirngefäße bei niedrigem CO₂ verengen. ein mensch kann sich also sehr sonderbar fühlen, obwohl durchaus genügend sauerstoff vorhanden ist ( genau diser prozess geschieht übrigens beim verbundenen atem).
ich finde diesen zusammenhang wichtig für atemarbeit, weil „mehr atmen“ physiologisch eben nicht einfach „mehr sauerstoff im menschen“ bedeutet. der atem verändert chemie. und chemie verändert wahrnehmung. wahrnehmung verändert wiederum den atem. irgendwo darin kann ein kreis entstehen: eine empfindung wird als gefahr wahrgenommen, der sympathikus antwortet, catecholamine wie adrenalin und noradrenalin bereiten den körper auf handeln vor, das herz schlägt schneller, die muskulatur spannt sich an, der atem verändert sich, und jede neue empfindung kann der ursprünglichen alarmmeldung recht geben.
ich finde daran nichts eingebildet. angst ist körperlich erstaunlich wirklich. und gleichzeitig interessiert mich das unsichtbare darin. weshalb beginnt das system genau jetzt zu rufen? was hat es wahrgenommen? was erinnert es? welche schicht eines menschen antwortet, bevor sein denken überhaupt eine geschichte dazu gefunden hat?
vielleicht kennt ein nervensystem zeiten anders als eine uhr. vielleicht kann etwas Vergangenes körperlich gegenwärtig werden. vielleicht gibt es auch Wahrnehmungen, für die unsere medizinische sprache keinen namen besitzt. ich möchte dem sphärischen darin seinen platz lassen, genauso wie dem CO₂-partialdruck. beide gehören für mich zur forschung am menschen.
besonders geheimnisvoll finde ich den hals, diesen schmalen ort zwischen kopf, brust und welt. dort verlaufen luft und nahrung zunächst durch denselben raum, dort liegen pharynx und larynx, dort schützt die epiglottis beim schlucken die tieferen atemwege, dort sitzen die stimmlippen und dort wird aus ausgeatmeter luft stimme. und ausgerechnet dort beschreiben menschen so häufig einen kloß. globus pharyngeus nennt die medizin dieses gefühl, wenn etwas im hals zu stecken scheint, obwohl kein entsprechender fremdkörper vorhanden sein muss. muskelspannung kann beteiligt sein, reflux oder laryngopharyngealer reflux, eine gereizte schleimhaut, vegetative spannung. auch die schilddrüse liegt dort vorne am hals und gehört beim genauen hinschauen mitgedacht. ebenso entzündungen, strukturelle veränderungen und andere körperliche ursachen. und dann gibt es noch den kehlkopf selbst. bei einer inducible laryngeal obstruction, früher häufig vocal cord dysfunction genannt, verengt sich der larynx anfallsartig, oft vor allem beim einatmen. das kann sich erschreckend nach asthma anfühlen und wird auch damit verwechselt, nur liegt die enge an einer anderen stelle.
beim asthma sind es vor allem die bronchien und häufig das ausatmen, hier kann der obere atemweg und das einatmen im vordergrund stehen. manchmal hört man eher einen inspiratorischen stridor als das exspiratorische giemen des asthma. wie präzise der körper doch ist, selbst in seiner enge. und gleichzeitig liegt genau an diesem ort die stimme.
ich finde es unmöglich, darüber zu schreiben, ohne auch an all die sätze zu denken, die im hals wohnen können. an das schlucken. an das unausgesprochene. an den moment kurz vor einem weinen, wenn der hals tatsächlich eng wird. an worte, die herauswollen, und an worte, die wir zurückhalten. an menschen, deren stimme klein wird, wenn ein bestimmter mensch den raum betritt, und wieder groß, wenn sie sich sicher fühlen. dafür brauche ich keine einfache gleichung wie hals gleich unausgesprochenes. der mensch ist viel interessanter als eine solche übersetzungstabelle.
mich interessiert, dass ein seelischer augenblick muskeltonus verändern kann. dass erinnerung den kehlkopf erreicht. dass ein gedanke den puls erreicht. dass pollen die bronchien erreichen. dass ein geruch eine ganze vergangene welt öffnen kann. dass eine stimme einen alarmierten körper wieder erreicht.
wir sind durchlässiger, als unsere anatomischen zeichnungen vermuten lassen. auch das bedeutet ganzheit für mich: ich muss nicht entscheiden, ob etwas körper, psyche, nervensystem, erinnerung, energie oder geist ist, bevor ich ihm begegnen darf. ich darf den menschen erst einmal in seiner ganzen spektralen vielschichtigkeit betrachten. ich kann bei atemnot wissen wollen, wie die bronchien klingen, wie schnell jemand atmet, welche hautfarbe er hat, wie sein puls ist, ob ein stridor oder giemen hörbar ist, ob fieber, allergenkontakt, belastung oder schmerz vorausgingen, ob die symptome plötzlich oder allmählich entstanden sind, und gleichzeitig fragen: was geschieht gerade in deiner welt? wann kennst du diese enge? was macht sie weiter? was geschieht, wenn jemand bei dir bleibt? wo in dir beginnt luft wieder zu raum zu werden?
das ist der punkt, an dem meine alte liebe zur pathologie und meine heutige liebe zur forschung wieder dieselbe werden. ich möchte wissen, wie mastzellen reagieren und was eine seele bewegt. ich möchte einen bronchospasmus verstehen und die sprache eines menschen hören. ich möchte wissen, was CO₂ mit dem pH-wert macht und weshalb manchmal ein einziger vertrauter blick einen atem verändert.
das eine macht das andere für mich nicht weniger wahr. im gegenteil. der mensch wird mit jeder ebene größer. und vielleicht steckt in diesen drei kleinen sätzen – mir bleibt die luft weg, mir steckt etwas im hals, ich brauche luft – bereits eine ganze medizin des menschseins. der körper spricht darin. das leben spricht darin. und manchmal noch etwas anderes, für das wir erst wieder eine sprache finden müssen. sp bleibt es immer spannend.