der mund · von einem tor, das nach innen und außen führt
ich erforsche den mund.
das klingt zunächst nach einem überschaubaren körperteil. ein paar zentimeter zwischen lippen und rachen. und doch komme ich, je genauer ich ihn betrachte, auf immer mehr wege, die von hier aus durch den menschen führen. essen, trinken, sprechen, schweigen, atmen, lachen, weinen, küssen, beißen, saugen, schmecken. kaum ein anderer ort unseres körpers scheint so viele verschiedene arten von weltkontakt in sich zu versammeln. und wir benutzen ihn schon als säugling, lange bevor wir wissen, dass wir einen körper haben. eigentlich beginnt das noch früher. saugen und schlucken gehören zu den sehr frühen bewegungsmustern des menschen. der mund ist also schon tätig, bevor wir die welt mit händen greifen können.
anatomisch ist er eine höhle, cavitas oris, und schon dieses wort gefällt mir: eine höhle im menschen. begrenzt von lippen und wangen, vom harten und weichen gaumen, vom mundboden und den zähnen, ausgekleidet mit einer empfindlichen schleimhaut und bewohnt von bakterien, pilzen und anderen mikroorganismen, die gemeinsam ein eigenes orales mikrobiom bilden. der mund ist damit auch biologisch keine leere öffnung, durch die etwas hindurchgeht. er ist ein lebensraum. in seiner mitte liegt die zunge, ein außerordentlich beweglicher muskelkörper, über muskeln und bindegewebe in einen viel größeren zusammenhang eingebunden. mundboden, unterkiefer und zungenbein gehören dazu, von dort reichen muskuläre und fasziale verbindungen weiter zum schädel, zum rachen und kehlkopf und in den hals. vielleicht ist es deshalb gar nicht so erstaunlich, dass ein angespannter kiefer manchmal weit mehr erzählt als etwas über die zähne.
es ist bemerkenswert, wie viel welt dieser kleine raum unterscheiden kann. warm und kalt, weich und hart, trocken und feucht, glatt, rau, süß, sauer, salzig, bitter und umami; schärfe wiederum ist streng genommen kein geschmack, sie wird unter anderem über freie nervenendigungen und den trigeminus als reiz wahrgenommen. die zunge weiß manches früher als der verstand. etwas berührt sie und augenblicklich verändert sich speichelfluss, muskeltonus, schluckbereitschaft. der körper antwortet bereits, während der mensch vielleicht noch überlegt, was er da eigentlich schmeckt. auch der speichel gehört zu dieser ersten begegnung. die großen speicheldrüsen – ohr-, unterkiefer- und unterzungenspeicheldrüse – und zahlreiche kleine drüsen geben täglich eine erstaunliche menge flüssigkeit in diesen raum ab. sie hält die schleimhäute feucht, schützt die zähne, enthält abwehrstoffe, löst moleküle aus der nahrung, damit wir sie überhaupt schmecken können, und mit der speichelamylase beginnt bereits die spaltung von stärke. verdauung ist also kein vorgang, der irgendwann weiter unten im bauch einsetzt. sie beginnt mit sehen, riechen, erwarten, kauen und speichel. noch bevor ein bissen den magen erreicht, hat der organismus begonnen, sich auf ihn einzustellen.
und diese schwelle besitzt eine erstaunliche nervale dichte. trigeminus, facialis, glossopharyngeus, vagus und hypoglossus sind auf unterschiedliche weise an sensibilität, geschmack, speichelbildung, bewegung und schlucken beteiligt. der trigeminus lässt uns berührung, druck, temperatur und schmerz im gesicht und großen teilen des mundraums wahrnehmen. der facialis trägt geschmacksinformationen aus dem vorderen teil der zunge und beeinflusst speicheldrüsen. der glossopharyngeus versorgt unter anderem den hinteren zungenbereich sensibel und geschmacklich und ist am schluckreflex beteiligt. der hypoglossus bewegt die zunge. der vagus schließlich begleitet den weg weiter in rachen und kehlkopf und hinein in jene vegetativen zusammenhänge, durch die atmung, stimme, schlucken, herz und verdauung miteinander in beziehung stehen. was im mund geschieht, ist deshalb niemals nur mund. man braucht nur die zähne fest aufeinanderzupressen, die zunge gegen den gaumen zu drücken und anschließend alles langsam loszulassen, um zu bemerken, dass wenige zentimeter körper einen ganzen menschen verändern können. kiefer, nacken und atem reagieren miteinander; manchmal verändert sich sogar die stimme.
vielleicht haben ältere medizinsysteme den mund auch deshalb nie ganz für sich betrachtet. in der chinesischen medizin heißt es, das herz öffne sich in die zunge. die zunge gilt als ein äußerer ort, an dem sich vorgänge des inneren zeigen können. bei der zungendiagnostik werden zungenkörper und belag betrachtet: farbe, form, feuchtigkeit, beweglichkeit, risse, schwellungen und die beschaffenheit des belags. der belag wird besonders in beziehung zu magen und milz und zur verarbeitung von nahrung und flüssigkeiten gesehen; die zungenspitze wird traditionell dem herzbereich zugeordnet. solche zuordnungen gehören zu einem eigenen medizinischen denkmodell und sind keine anatomische landkarte. gerade darin finde ich sie interessant. sie betrachten den körper als beziehungsgeschehen. dem herzen wird außerdem der shen zugeordnet, ein begriff, für den „geist“ beinahe zu klein ist, weil darin bewusstsein, präsenz, ausdruck und innere lebendigkeit mitschwingen. und plötzlich bekommt der alte satz, das herz öffne sich in die zunge, etwas beinahe unmittelbar menschliches. was in uns lebt, sucht über die zunge ausdruck. vielleicht kann man deshalb einen menschen reden hören und etwas ganz anderes wahrnehmen als seine worte.
auch die beziehung von herz und zwerchfell ist interessant. in der chinesischen medizin erscheint das zwerchfell, ge, als grenze und durchgang zwischen den räumen des körpers. anatomisch ist diese vorstellung auf ihre eigene weise ebenfalls schön: das herz liegt dem zwerchfell unmittelbar auf, der herzbeutel ist mit dessen zentralem sehnenbereich bindegewebig verbunden. durch das zwerchfell ziehen große lebenswege hindurch – unter anderem aorta, untere hohlvene und speiseröhre. mit jedem atemzug senkt und hebt es sich, verändert druckverhältnisse in brust- und bauchraum, bewegt die darunterliegenden organe mit und beeinflusst den venösen rückstrom. ein atemzug ist darum niemals bloß luft in der lunge. er bewegt räume gegeneinander und miteinander. vielleicht berührt mich daran, dass der menschliche körper überall solche übergänge besitzt: mund. rachen. zwerchfell. beckenboden. haut. orte, die eine grenze bilden und gerade dadurch austausch ermöglichen.
der mund ist darin besonders eigen. durch ihn geht etwas hinein und etwas hinaus. nahrung geht hinein. luft kommt und geht. stimme kommt heraus. ein gedanke, den niemand außer mir kennt, verändert zunächst meinen atem. ausströmende luft setzt im kehlkopf die stimmlippen in schwingung; rachen, mundraum, gaumen, zunge, kiefer und lippen formen daraus laute. etwas vollkommen unsichtbares erhält auf diesem weg einen körper aus luft und schwingung. ein anderer mensch hört ihn, sein trommelfell gerät in bewegung, und plötzlich befindet sich etwas, das eben noch ausschließlich in meiner inneren welt existierte, in seiner. vielleicht ist sprechen eine der merkwürdigsten formen körperlicher übertragung überhaupt.
und dann gibt es einen augenblick, in dem selbst die sprache aufhört. zwei münder begegnen einander.
ich denke seit einer seelenreise anders darüber. dort habe ich die berührung zweier zungen als eine sphärische verbindung erfahren, vollkommen im menschlichen und zugleich weit über das hinausreichend, was ich bis dahin mit einem kuss verbunden hatte. in meiner wahrnehmung öffneten sich darüber alle tore. ich möchte diese erfahrung gar nicht erklären. sie würde kleiner werden, sobald ich versuchte, aus ihr eine anatomische wahrheit zu machen. aber seitdem interessiert mich, dass ausgerechnet der mund körperlich tatsächlich ein ort außerordentlicher durchlässigkeit ist. beim kuss begegnen sich zwei hoch sensible körperräume. die lippen gehören zu den dicht innervierten regionen unseres körpers. zungen ertasten einander. mechanorezeptoren und freie nervenendigungen registrieren druck, bewegung und temperatur, geschmack und geruch mischen sich, speichel und damit mikroorganismen werden ausgetauscht. das gehirn erhält gleichzeitig eine ungewöhnlich dichte menge sensorischer information. nähe wird hier nicht als gedanke verarbeitet. sie geschieht unmittelbar am körper. auch das autonome nervensystem ist beteiligt; herzschlag, atmung, gefäßweite und speichelfluss können sich verändern. und während all dies sehr körperlich geschieht, kann die erfahrung davon eine dimension annehmen, für die anatomie keine sprache besitzt. vielleicht besteht das geheimnis darin, beides beieinander zu lassen.
rilke schreibt über die körperliche wollust als ein sinnliches erlebnis, verwandt mit dem schauen und mit dem gefühl, mit dem eine schöne frucht die zunge füllt. mich berührt daran seine weigerung, das sinnliche gering zu machen. der körper erscheint bei ihm als eine möglichkeit der erkenntnis. das finde ich für den mund besonders treffend. mit ihm lernen wir als kinder die welt kennen, lange bevor wir sie benennen können. säuglinge erkunden gegenstände mit lippen und zunge; saugen bedeutet nahrung und zugleich regulation, nähe, wärme, geruch, berührung. der mund ist einer unserer frühesten orte von weltbeziehung. später benutzen wir dieselbe zunge, um alles mit namen zu versehen. baum. mutter. hunger. gott. liebe. ich. du.
und irgendwann berührt diese zunge eine andere zunge und für einen augenblick können all diese namen verschwinden. das finde ich beinahe komisch und sehr schön. ausgerechnet das organ, das so wesentlich daran beteiligt ist, die welt in worte zu teilen, kann an einer anderen stelle unseres lebens erfahren, wie es ist, wenn diese teilung für einen augenblick keine bedeutung mehr besitzt. vielleicht öffnen sich die tore deshalb irgendwo innerhalb des körpers. vielleicht öffnen sie sich genau hier.