wieviel welt ist ein mensch?

manchmal glaube ich, wir stellen beim essen die falsche frage. wir fragen, wie viel protein etwas enthält. wie viele kohlenhydrate. wie viele kalorien. wie viel omega-3. wir rechnen, vergleichen, ergänzen, optimieren. und selbstverständlich hat dieses wissen seinen wert. ein körper braucht stoffe. aminosäuren, essentielle fettsäuren, mineralstoffe, vitamine, glucose. er besitzt sehr konkrete bedürfnisse und sehr konkrete grenzen. mich beschäftigt inzwischen eine andere frage: was geschieht eigentlich mit der welt, wenn ein mensch sie isst? denn ein mensch kann erstaunlicherweise fast nichts von dem behalten, wie es ist. eine linse darf nicht linse bleiben. ein apfel nicht apfel. ein stück brot nicht brot. alles muss seine bisherige gestalt verlieren. im mund beginnt die erste verwandlung. zähne zerbrechen form, speichel durchdringt sie, alpha-amylase beginnt stärke zu spalten. im magen wird das, was eben noch eine mahlzeit war, durchmischt und angesäuert, pepsin beginnt proteine zu zerlegen. im dünndarm kommen die enzyme der bauchspeicheldrüse hinzu, gallensäuren helfen dabei, fette zugänglich zu machen, und an der oberfläche der darmzellen wird weiter zerlegt, bis aus unserer mahlzeit immer kleinere einheiten geworden sind. aminosäuren. monosaccharide. fettsäuren. monoglyceride. es ist eine eigentümliche voraussetzung des genährtwerdens: etwas muss seine bisherige form verlieren, damit es teil von uns werden kann.

und dann beginnt das wunder eigentlich erst. eine aminosäure, die am morgen noch zu einer linse gehörte, kann später für ein körpereigenes protein verwendet werden. glucose aus einem apfel kann in einer zelle energie bereitstellen oder mit vielen anderen glucosemolekülen zu glykogen verbunden werden. bestandteile des olivenöls werden in den darmzellen wieder zusammengesetzt, in chylomikronen verpackt und nehmen einen erstaunlichen weg: zunächst durch die lymphgefäße und erst später ins blut. ein teil unseres mittagessens reist durch unser lymphsystem. ich liebe diesen gedanken. dort sitzt ein mensch an einem tisch, taucht brot in olivenöl, und wenig später bewegt sich etwas davon, in winzige transportteilchen verpackt, durch eine verborgene flusslandschaft in seinem körper. etwas war pflanze. dann war es essen. dann war es für einen moment kaum mehr als molekül. und irgendwann gehört es zu einem menschen. wo genau ist auf diesem weg eigentlich die grenze zwischen welt und ich?

wir denken unseren körper gern als etwas abgeschlossenes. hier bin ich. dort beginnt die welt. die haut zeichnet eine überzeugende linie. physiologisch ist diese linie erstaunlich durchlässig. mit jedem atemzug tritt welt in uns ein und wieder aus. über den darm gelangen stoffe durch eine körpergrenze hindurch. über lunge, nieren, darm und haut verlassen andere uns wieder. wasser kommt und geht. kohlenstoff kommt und geht. stickstoff kommt und geht. und trotzdem bleibt etwas bestehen, das wir mit großer selbstverständlichkeit „ich“ nennen. vielleicht ist ein körper deshalb weniger ein ding als ein geschehen. etwas, das seine gestalt bewahrt, während seine stoffe fortwährend in bewegung sind. wie ein fluss, dem wir einen namen geben. morgen stehen wir wieder an seinem ufer und nennen ihn noch immer inn oder donau, obwohl anderes wasser durch ihn hindurchzieht. vielleicht ist ein mensch auf eine viel geheimnisvollere weise ähnlich.

besonders schön wird diese beweglichkeit für mich im dünndarm. seine innere oberfläche liegt nicht einfach glatt da. falten, zotten und mikrovilli vergrößern den raum, an dem aufnahme stattfinden kann, gewaltig. ausgerechnet dort, wo der mensch welt in sich hineinlässt, macht der körper seine berührungsfläche größer. aufnahme braucht berührung. gleichzeitig braucht sie unterscheidung. die darmbarriere muss durchlässig sein und begrenzen können. sie muss bestimmte stoffe passieren lassen und andere zurückhalten. vielleicht liegt darin eine der schönsten körperlichen analogien, die ich kenne: eine lebendige grenze ist keine mauer. ihre kunst besteht darin, unterscheiden zu können. vielleicht gilt das auch für uns. vielleicht bedeutet bei sich sein gar nicht, möglichst wenig hereinzulassen. vielleicht bedeutet es, in wirklichem kontakt mit der welt zu bleiben und dabei zu spüren, was zu einem gehört, was aufgenommen werden kann und was weiterziehen muss.

hinter dem darm wartet die leber. ein großer teil der wasserlöslichen stoffe, die aus dem verdauungstrakt aufgenommen wurden, erreicht sie über die pfortader. und wieder beginnt unterscheiden. glucose kann gespeichert oder weitergegeben werden. aminosäuren werden für aufbau und stoffwechsel verwendet, umgebaut oder abgebaut. entsteht beim abbau stickstoffhaltiger verbindungen ammoniak, wird dessen stickstoff in der leber über den harnstoffzyklus in harnstoff überführt; später übernehmen die nieren und geben ihn mit dem urin an die welt zurück. behalten. umbauen. weitergeben. ausscheiden. vielleicht ist stoffwechsel überhaupt eine ununterbrochene kunst der unterscheidung. der körper fragt nicht nach gut oder böse. er fragt: was brauche ich? was kann ich verwandeln? was kann ich aufheben? was darf gehen?

und selbst „ich“ wird biologisch unschärfer, je genauer man hinsieht. unser darm ist von einer ungeheuren Gemeinschaft aus mikroorganismen bewohnt. sie verarbeiten bestandteile unserer nahrung, bilden stoffwechselprodukte und stehen in vielfältigem austausch mit darm, immunsystem und nervensystem. ein mensch lebt also nicht einfach allein in seiner haut. leben trägt anderes leben in sich. vielleicht haben wir uns überhaupt daran gewöhnt, ganzheit mit abgeschlossenheit zu verwechseln. dabei scheint der körper etwas anderes zu erzählen. ganzheit entsteht hier durch austausch. durch grenzen, die berühren können. durch unterscheiden. durch aufnehmen und wieder abgeben. durch unzählige beziehungen, die in jedem augenblick miteinander geschehen.

und noch bevor all das beginnt, bevor irgendeine aminosäure die darmwand passiert und irgendein chylomikron durch die lymphe reist, hat der mensch sein essen längst gesehen. vielleicht hat er es gerochen und ihm lief das wasser im mund zusammen. auch das gehört zur physiologie. schon anblick, geruch und erwartung einer mahlzeit können die kephalische phase der verdauung in gang setzen. über das autonome nervensystem, wesentlich mitgetragen vom nervus vagus, bereitet sich der verdauungstrakt auf etwas vor, das noch gar nicht in ihm angekommen ist. etwas liegt noch außerhalb von uns und unser inneres antwortet bereits darauf. ich kenne kaum ein schöneres bild für die frage, wo ein mensch eigentlich beginnt.

wenn wir sphärische wesen sind – und für mich sind wir das –, die hier durch und mit einem materiellen körper leben, wird essen an dieser stelle noch geheimnisvoller. eine karotte lässt sich chemisch beschreiben. wasser. kohlenhydrate. ballaststoffe. mineralstoffe. vitamine. sekundäre pflanzenstoffe und sehr vieles mehr. und zugleich war diese karotte samen, erde, regen, sonne, mikroorganismen, sommer, vielleicht die hand eines menschen, der sie aus dem boden gezogen hat. all das muss ich nicht gegeneinander ausspielen. vielleicht ist gerade das ganzheit: die chemie vollständig ernst zu nehmen und trotzdem nicht zu glauben, dass mit ihrer beschreibung das wesen einer sache erschöpft wäre. mich interessiert, was ein essen stofflich enthält. und mich interessiert seine farbe. sein geruch. die hände, die es zubereitet haben. der ort, an dem wir essen. die jahreszeit. mein eigenes ja oder nein. die schwingung eines raumes. vielleicht besitzen wir für manche dieser ebenen noch keine so genaue sprache wie für glucose und aminosäuren. vielleicht dürfen die fragen dort noch eine weile fragen bleiben.

rilke schrieb davon, die fragen selbst liebzuhaben und sie zu leben. ich denke daran, wenn ich versuche zu verstehen, was einen menschen wirklich nährt. vielleicht ist genug keine zahl, die wir eines tages endgültig ausrechnen werden. der körper besitzt viele maße: blutzucker und glykogenspeicher, stoffwechsel und hormone, hunger und sättigung. und der mensch besitzt noch andere. geruch. lust. erinnerung. bekömmlichkeit. farbe. jahreszeit. gemeinschaft. dieses schwer erklärbare gefühl nach manchen mahlzeiten, dass wirklich etwas angekommen ist. vielleicht muss ich diese dinge gar nicht gegeneinander ordnen. vielleicht gehören sie zu verschiedenen sprachen desselben wesens.

manchmal liegt eine linse trocken in meiner hand. später liegt sie mit kreuzkümmel, ingwer, kurkuma und tomate in einem topf. sie wird weich. ich rieche sie. koste. kaue. und danach geschieht eine verwandlung, von der ich fast nichts bemerke. enzyme zerlegen. membranen unterscheiden. darmzellen nehmen auf. die pfortader trägt weiter. die leber verwandelt. die lymphe transportiert. zellen nehmen etwas an. anderes wird aufgehoben. anderes verlässt mich wieder. und irgendwo auf diesem weg geschieht etwas so alltägliches, dass wir beinahe vergessen haben, wie ungeheuerlich es ist:

etwas, das eben noch welt war, wird für eine weile mensch.

vielleicht ist das die frage, die ich beim essen leben möchte. nicht nur: was brauche ich? auch: was bedeutet es überhaupt, genährt zu sein? und wenn ein mensch sein ganzes leben lang welt aufnimmt, verwandelt und wieder an welt zurückgibt – wo endet dann dieser mensch und wo beginnt das, was ihn nährt?

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die lunge · vom austausch mit der welt

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der mund · von einem tor, das nach innen und außen führt