die lunge · vom austausch mit der welt

ich arbeite seit vielen jahren mit dem atem und etwas daran wundert mich rückblickend. in meiner ausbildung zur atemarbeit lernte ich viel darüber, was durch den atem geschehen kann. über bewusstsein, emotionen, erinnerungen, veränderte wahrnehmung und darüber, wie ein mensch durch den verbundenen atem in andere zustände gelangen kann. über die lunge selbst lernte ich erstaunlich wenig. ich finde das schade. vielleicht sogar eigenartig.

denn mittlerweile wird überall geatmet. breathwork ist zu einem wort geworden, das man beinahe überall findet, und manchmal scheint es, als müsse man nur tief genug einatmen, damit der körper schon wissen wird, was gemeint ist. dabei greifen wir mit jeder bewussten veränderung der atmung in ein sehr fein reguliertes system ein. wir verändern die zusammensetzung der gase im blut. wir verändern den pH-wert. wir beeinflussen gefäße, nervensystem, gehirn, herz und muskulatur. wer mit dem atem eines anderen menschen arbeitet, sollte meiner meinung nach wissen, was dabei geschieht.

also möchte ich heute von der lunge erzählen.

eigentlich beginnt ihre geschichte schon an der nase. luft tritt durch die nares ein, wird in der cavitas nasi erwärmt, befeuchtet und gefiltert, zieht durch pharynx und larynx in die trachea und teilt sich dort wie ein baum. dieses bild ist ausnahmsweise keine poetische erfindung. der bronchialbaum heißt tatsächlich so.

die trachea teilt sich in bronchus principalis dexter und sinister, den rechten und linken hauptbronchus. daraus entstehen immer kleinere bronchien, dann bronchiolen und schließlich die feinsten verästelungen. ganz am ende liegen kleine lufträume, deren wände so dünn sind, dass dort zwei welten beinahe aneinanderstoßen. die alveolen. lungenbläschen. davon besitzen wir hunderte millionen. würde man ihre gemeinsame oberfläche ausbreiten, entstünde eine fläche von ungefähr fünfzig bis siebzig quadratmetern, je nachdem, wie man misst und wie weit die lunge gerade entfaltet ist. wir tragen also eine erstaunlich große innere landschaft zusammengefaltet in unserem brustkorb.

hier geschieht der eigentliche austausch. sauerstoff aus der eingeatmeten luft wandert durch die hauchdünne wand der alveolen ins blut. dort begegnet er den roten blutkörperchen, den erythrozyten, und ihrem hämoglobin. daran kann sich sauerstoff binden und durch den körper reisen. zum gehirn. zum herz. zur leber. zu den nieren. zur haut. zu den muskeln. bis hinein in unsere zellen und dort zu den mitochondrien, jenen winzigen strukturen, in denen ein großer teil unserer zellulären energie bereitgestellt wird. wir atmen also luft ein und wenig später ist ein teil dessen, was eben noch welt war, an den vorgängen beteiligt, durch die unser körper energie gewinnen kann. das allein finde ich schon sehr erstaunlich.

gleichzeitig kommt aus der anderen richtung etwas zurück. kohlendioxid. CO₂ entsteht fortwährend in unserem stoffwechsel. der körper bringt es aus den geweben über das blut zurück zur lunge. ein großer teil davon wird unterwegs in bicarbonat umgewandelt. daran beteiligt ist ein enzym mit dem schönen namen carboanhydrase.

CO₂ + H₂O ⇌ H₂CO₃ ⇌ H⁺ + HCO₃⁻.

man muss diese formel nicht verstehen, um das wesentliche daran zu begreifen: atmung reguliert auch den säure-basen-haushalt unseres körpers. und genau hier wird es für atemarbeit interessant.

wenn wir schneller oder tiefer atmen, als unser stoffwechsel es gerade verlangt, geben wir besonders viel CO₂ ab. der CO₂-gehalt im blut sinkt. medizinisch nennt man das hypokapnie. dadurch verschiebt sich der pH-wert des blutes in den basischen bereich. es entsteht eine respiratorische alkalose. das klingt zunächst nach lehrbuch. im körper kann man es unmittelbar erleben.

es kann in den fingern kribbeln. um den mund. manchmal werden die hände fest oder ziehen sich zusammen. es kann schwindel entstehen, ein gefühl von leichtigkeit oder eine starke veränderung der wahrnehmung. manche menschen sehen farben, licht, bilder oder ganze innere welten. andere erleben erinnerungen, emotionen oder körperempfindungen, für die sie zunächst keine sprache haben. ich möchte diese erfahrungen nicht erklären, indem ich sie auf physiologie reduziere. und aber auch die physiologie nicht übergehen. denn während all das erlebt wird, geschieht im körper etwas sehr konkretes. durch den CO₂-abfall verändern sich unter anderem die gefäße im gehirn und die verfügbarkeit von frei ionisiertem calcium. nerven und muskeln reagieren anders.

beides darf gleichzeitig da sein. der messbare körper und das, was ein mensch erlebt. wir müssen das eine nicht kleiner machen, damit das andere größer sein darf. vielleicht liegt genau dort eine der spannendsten stellen der atemarbeit.

der atem besitzt nämlich eine sonderstellung im menschlichen körper. vieles, was uns am leben hält, können wir nicht unmittelbar willentlich verändern. ich kann meinem pankreas nicht sagen, es möge jetzt insulin ausschütten. ich kann meine nieren nicht für drei minuten anders filtrieren lassen. meinem herzen kann ich nicht einfach befehlen, ab jetzt zweiundsechzigmal pro minute zu schlagen. aber ich kann jetzt beschließen, meinen atem anzuhalten.

ich kann schneller atmen. langsamer. flacher. tiefer. ich kann seufzen. summen. sprechen. singen.

und irgendwann meldet sich etwas, das meiner absicht grenzen setzt. das atemzentrum liegt im hirnstamm, vor allem in bereichen der medulla oblongata und der pons. dort wird der atemrhythmus fortwährend mitreguliert. gleichzeitig gibt es kleine messstationen im körper, sogenannte chemorezeptoren. sie beobachten unter anderem, wie viel CO₂ vorhanden ist, wie sich der pH-wert verändert und ob der sauerstoffgehalt zu weit absinkt. der körper hört seiner eigenen chemie zu. sekunde für sekunde. wir sagen: ich atme. manchmal denke ich, ebenso richtig wäre: es atmet mich.

und noch etwas gefällt mir an der lunge. sie kann sich selbst gar nicht aufblasen. der wichtigste muskel unserer atmung liegt unter ihr: das diaphragma, das zwerchfell. beim einatmen zieht es sich zusammen und senkt sich. dadurch wird der raum im brustkorb größer. die lunge folgt dieser bewegung und luft strömt hinein. dass sie folgen kann, hat mit zwei sehr feinen häuten zu tun: pleura visceralis und pleura parietalis. die eine liegt der lunge an, die andere kleidet den brustkorb von innen aus. zwischen ihnen befindet sich nur ein hauchdünner flüssigkeitsfilm. dadurch sind sie miteinander verbunden und können trotzdem aneinander entlanggleiten. ich mag dieses bild. verbunden genug, um einander mitzunehmen. beweglich genug, um sich nicht festhalten zu müssen.

tief in der lunge wartet noch eine weitere erstaunliche substanz: surfactant. sie sorgt dafür, dass die winzigen alveolen nicht einfach in sich zusammenfallen. gebildet wird sie vor allem von den pneumocyten typ II, besonderen zellen in den lungenbläschen. selbst das Offenbleiben dieser kleinen Räume ist also Arbeit. und während wir ein- und ausatmen, fließt fortwährend blut durch diese landschaft. das rechte herz schickt sauerstoffarmes blut zur lunge. dort gibt es CO₂ ab und nimmt sauerstoff auf. anschließend fließt es zurück zum linken herzen und wird von dort in den gesamten körper gepumpt. die lunge liegt damit gewissermaßen zwischen zwei herzhälften. das blut kommt als eines und geht als ein anderes. deshalb erscheint mir die lunge weniger wie ein einzelnes organ und mehr wie ein ort der begegnung.

zwischen außen und innen. zwischen luft und blut. zwischen herz und welt. zwischen dem, was wir beeinflussen können, und dem, was der körper längst für uns tut. zwischen dem, was wir aufnehmen, und dem, was wir wieder abgeben. wobei selbst „außen“ und „innen“ hier eigenartig werden.

die luft in deinen alveolen gehört noch immer zu einem raum, der über mund und nase mit der außenwelt verbunden ist. erst wenn sauerstoff die hauchdünne grenze zwischen alveole und blutgefäß überschreitet, wird etwas, das gerade noch draußen war, tatsächlich teil deines inneren milieus. ich bleibe gern an diesem gedanken hängen. wir zeichnen die haut als grenze des menschen und übersehen dabei, wie viele male am tag welt diese grenze überschreitet. mit jedem atemzug kommt sie uns entgegen. und mit jedem ausatmen geben wir etwas von unserem inneren wieder an sie zurück. vielleicht fasziniert mich der atem deshalb seit so vielen jahren.

wir können ihn beeinflussen, aber wir besitzen ihn nicht. wir können ihn beschleunigen und verlangsamen, vertiefen und unterbrechen. wir können mit ihm zustände verändern. wir können ihm folgen und ihn beobachten. wir können über ihn lachen, weinen, sprechen, singen und schreien. und während wir all das tun, bleibt unter unserer erfahrung eine sehr alte physiologie wach. sie misst. gleicht aus. reagiert. schützt. und beginnt wieder mit dem nächsten atemzug.

wenn wir mit dem atem arbeiten, arbeiten wir deshalb für mich mit beidem: mit der erfahrung eines menschen und mit einem körper, dessen ordnungen sehr viel älter sind als jede methode, die wir irgendwann breathwork genannt haben. vielleicht wünsche ich mir deshalb, dass wir wieder neugieriger auf diesen körper werden.

dass jemand, der mit atmung arbeitet, wissen möchte, was CO₂ tut. warum eine hand sich zusammenziehen kann. weshalb das zwerchfell so wichtig ist. was eine alveole ist. was sich im blut verändert. und gleichzeitig offenbleibt für all das, wofür unsere physiologie allein vielleicht keine vollständige sprache besitzt.

ich möchte beides kennenlernen. das sichtbare und das unsichtbare. das messbare und das erfahrene. vielleicht ist das für mich inzwischen überhaupt eine form von spiritualität geworden. genau hinzusehen. und dem körper zuzutrauen, dass er durch unser wissen nicht weniger geheimnisvoll wird. eher noch magischer.

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die lunge · wenn die welt eng wird