die lunge · vom austausch mit der welt

ich würde dir gern erzählen, dass atmen eine ziemlich einfache sache ist. luft hinein. luft hinaus. ungefähr zwanzigtausendmal am tag und die meiste zeit, ohne dass wir auch nur einmal daran denken müssen. vielleicht gehört der atem gerade deshalb zu diesen eigenartigen wesen, die uns ein ganzes leben lang so nah sind, dass wir irgendwann glauben, wir würden sie kennen. ich arbeite seit vielen jahren mit dem atem. ich habe menschen sehr leise atmen sehen und so tief, dass irgendwann der ganze körper mitzuatmen schien. habe hände gesehen, die zu kribbeln begannen, finger, die sich zusammenzogen, körper, die zitterten. tränen . lachen . bilder . erinnerungen . farben. ich kenne atemräume, in denen zeit ihre gewöhnliche ordnung verliert und ein mensch etwas weiß, ohne sagen zu können, woher er es weiß. mittlerweile heißt vieles davon breathwork. ein wort, unter dem erstaunlich viele arten zu atmen versammelt sind. schneller . langsamer . verbunden . durch die nase . durch den mund . mit pausen . ohne pausen. und vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, einmal unter dieses wort zu schauen.

was tun wir eigentlich, wenn wir den atem verändern?

denn während ein mensch vielleicht eine innere landschaft betritt, geschieht gleichzeitig eine zweite reise, die sich sehen, messen und ziemlich genau beschreiben lässt. sauerstoff wandert. kohlendioxid verändert sich. der pH-wert verschiebt sich. gefäße reagieren. nerven reagieren. muskeln reagieren. das gehirn reagiert. eine hand beginnt vielleicht genau in jenem augenblick zu kribbeln, in dem ein mensch sagt, er sehe plötzlich blau. ich mag diese stelle. ich muss das blau nicht weg erklären, um wissen zu wollen, warum die hand kribbelt. und ich muss die physiologie nicht verlassen, um das blau als wahr anzuerkennen. je länger ich mit dem atem arbeite, desto mehr möchte ich beides kennenlernen. das, was ein mensch erfährt, und diesen erstaunlichen körper, der währenddessen sekunde für sekunde misst . antwortet . ausgleicht . verändert. wissen macht das geheimnis eines körpers für mich nicht kleiner. eher geschieht das gegenteil. unter einer welt öffnet sich die nächste. und darunter wieder eine.

also möchte ich heute einmal mit dir in die lunge gehen. wobei wir, wenn wir genau sind, schon vor ihr beginnen müssen. an zwei kleinen öffnungen im gesicht. der nase. luft tritt durch die nares ein, wird in der cavitas nasi erwärmt, befeuchtet und gefiltert, zieht durch pharynx und larynx in die trachea und beginnt sich dort zu verzweigen. erst in zwei große äste, dann in immer kleinere. dieses bild ist ausnahmsweise keine poetische erfindung. der bronchialbaum heißt tatsächlich so. die trachea teilt sich in bronchus principalis dexter und sinister, den rechten und linken hauptbronchus. bronchien werden zu bronchiolen, diese verzweigen sich weiter und weiter, bis wir an einem ort ankommen, den wir von außen niemals vermuten würden: hunderte millionen winzige alveolen, deren gemeinsame oberfläche ungefähr fünfzig bis siebzig quadratmeter erreichen kann. eine ganze landschaft, zusammengefaltet in einem brustkorb.

und genau dort berühren sich zwei welten beinahe. luft und blut.

die trennende schicht ist an ihren dünnsten stellen nur Bruchteile eines mikrometers dick. auf der einen seite luft, die eben noch welt war. auf der anderen blut. sauerstoff bewegt sich entlang seines partialdruckgefälles über diese alveolar-kapilläre grenze und begegnet den erythrozyten, den roten blutkörperchen, und ihrem hämoglobin. daran gebunden kann er weiterreisen. zum gehirn . zum herz . zur leber . zu den nieren . zur haut . zu den muskeln. bis hinein in unsere gewebe und zellen. in den mitochondrien wird sauerstoff schließlich als letzter elektronenakzeptor der atmungskette gebraucht, jener komplizierten molekularen arbeit, durch die ein großer teil unseres ATP entsteht. etwas, das wenige augenblicke zuvor noch außerhalb meines körpers war, ist nun an den vorgängen beteiligt, durch die ich meine hand bewegen, einen gedanken denken oder über eine wiese laufen kann. vielleicht ist das schon das erste wunder der lunge: dass welt eine hauchdünne grenze überschreitet und an meinem leben teilnimmt.

gleichzeitig reist etwas in die andere richtung. kohlendioxid. CO₂ entsteht fortwährend in unserem stoffwechsel und wird aus den geweben über das blut zurück zur lunge gebracht. ein kleinerer teil ist physikalisch gelöst, ein teil an proteine wie hämoglobin gebunden, der größte teil reist als bicarbonat. in den erythrozyten hilft dabei ein enzym mit dem schönen namen carboanhydrase, die umwandlung ungeheuer zu beschleunigen.

CO₂ + H₂O ⇌ H₂CO₃ ⇌ H⁺ + HCO₃⁻

man muss diese formel nicht lieben, um zu verstehen, wie weit sie reicht. atmung reguliert über CO₂ unmittelbar am säure-basen-haushalt mit. und genau hier beginnt eine der physiologisch spannendsten stellen der atemarbeit. wenn wir schneller oder tiefer atmen, als unser stoffwechsel es gerade verlangt, steigt die alveoläre ventilation und wir geben vermehrt CO₂ ab. der arterielle CO₂-partialdruck sinkt. hypokapnie. dadurch verschiebt sich das chemische gleichgewicht, die konzentration freier wasserstoffionen nimmt ab und der pH-wert steigt. respiratorische alkalose nennt die medizin das. der name klingt trocken. der körper überhaupt nicht. finger können kribbeln. die region um den mund. hände können sich zusammenziehen, manchmal bis zu einer karpopedalen spastik. schwindel kann entstehen, leichtigkeit, ein verändertes körpergefühl. CO₂ passiert die blut-hirn-schranke sehr leicht und Veränderungen seines partialdrucks beeinflussen dort das chemische milieu. sinkt CO₂ deutlich, reagieren die zerebralen arteriolen mit vasokonstriktion und die hirndurchblutung kann vorübergehend abnehmen. gleichzeitig verändert die alkalose die bindung von calcium an albumin. mehr calcium wird gebunden, weniger liegt frei ionisiert vor, obwohl das gesamtcalcium im blut unverändert sein kann. nerven und muskeln werden dadurch erregbarer. plötzlich hat das kribbeln eine chemie. die sich zusammenziehende hand hat eine chemie.

und auch der sauerstoff erzählt eine eigenartigere geschichte, als „mehr atmen bedeutet mehr sauerstoff“. bei einem gesunden menschen ist das hämoglobin in ruhe bereits zu einem sehr hohen anteil mit sauerstoff gesättigt. wir können durch immer größeres atmen also nicht unbegrenzt mehr davon aufladen. gleichzeitig verschiebt ein höherer pH-wert die sauerstoffbindungskurve des hämoglobins nach links. hämoglobin hält seinen sauerstoff fester. das ist die andere seite des Bohr-Effekts. ein mensch kann also sehr intensiv atmen und trotzdem Bedingungen erzeugen, unter denen sauerstoff im gewebe weniger leicht vom hämoglobin abgegeben wird. ich liebe solche stellen in der physiologie. sie widersprechen den einfachen sätzen, mit denen wir einen körper gern erklären möchten. mehr atmen ist nicht automatisch mehr sauerstoff dort, wo er gebraucht wird.

und während all das geschieht, kann ein mensch geometrien sehen.

farben. licht. bilder. erinnerungen, die sich nicht daran halten, aus welcher zeit sie stammen sollten. ich kenne das aus meinem eigenen atmen. formen kommen und bewegen sich durch mich. mein mund weiß plötzlich, welche form er machen möchte. meine zunge weiß, wohin sie gehört. ein ton weiß, wie er klingen will. und das seltsamste daran ist dieses wissen ohne vorherigen gedanken. niemand erklärt es. es geschieht. vielleicht weiß eine zunge dinge. vielleicht weiß ein ohr dinge. vielleicht kennt ein körper wege, für die ein mensch keinen namen hat. gleichzeitig weiß auch mein physiologischer körper Dinge, ohne dass mein bewusstsein sie wissen muss. chemorezeptoren registrieren Veränderungen von CO₂, pH und sauerstoff. neuronale netzwerke im hirnstamm erzeugen und modulieren den atemrhythmus. der nervus phrenicus trägt impulse zum zwerchfell. gefäße verändern ihren tonus. calcium verschiebt sich zwischen gebundener und ionisierter form. zwei arten von wissen geschehen gleichzeitig in mir. die eine können wir messen. die andere erfahre ich.

ich brauche keine der beiden wahrheiten, um die andere zu beweisen.

wenn ich beim atmen geometrien sehe, sind sie da. wenn mein herz plötzlich gelb und weiß leuchtet, ist das meine erfahrung. wenn es sich in einen ozean verwandelt und ich nicht mehr sagen kann, wo mein herz endet und wo das wasser beginnt, ist auch das wahr. nicht als anatomische behauptung über die lage meines herzens. als erfahrene wirklichkeit dieses augenblicks. genauso wahr ist, dass währenddessen mein CO₂-partialdruck sinken kann, mein pH sich verändert, meine hirngefäße darauf reagieren und mein ionisiertes calcium abnimmt. physiologie beschreibt, was im messbaren körper geschieht. sie beschreibt damit nicht automatisch, wie es ist, ein ozean zu sein. und das sphärische Erleben sagt mir nicht, wie hoch mein arterieller CO₂-partialdruck ist. vielleicht müssen diese beiden sprachen einander gar nicht ersetzen.

der atem besitzt ohnehin eine sonderstellung im menschlichen körper. vieles, was uns am leben hält, entzieht sich unserem unmittelbaren willen. ich kann meinem pankreas nicht sagen, es möge jetzt insulin ausschütten. ich kann meine nieren nicht für drei minuten anders filtrieren lassen. meinem herzen kann ich nicht einfach befehlen, ab jetzt zweiundsechzigmal pro minute zu schlagen. aber ich kann jetzt beschließen, meinen atem anzuhalten. ich kann schneller atmen. langsamer. flacher. tiefer. ich kann seufzen . summen . sprechen . singen . schreien. ich kann den atem für eine weile führen.

für eine weile.

denn irgendwann begegnet mein wille etwas älterem. die neuronalen netzwerke, die unsere atmung erzeugen und regulieren, liegen vor allem in medulla oblongata und pons. zentrale chemorezeptive mechanismen reagieren besonders empfindlich auf Veränderungen des CO₂ und des daraus entstehenden pH im zentralnervensystem. periphere chemorezeptoren in den glomera carotica und aortica registrieren unter anderem Veränderungen von sauerstoff, CO₂ und pH. steigt CO₂, verändert sich unser atemantrieb. fällt der arterielle sauerstoffpartialdruck deutlich, wird auch das zu einem starken signal. während ich schlafe . träume . vergesse . liebe . esse . denke, hört mein körper seiner eigenen chemie zu. sekunde für sekunde.

wir sagen: ich atme. manchmal denke ich, ebenso richtig wäre: es atmet mich.

und noch etwas gefällt mir an der lunge. sie kann sich selbst gar nicht aufblasen. der wichtigste muskel unserer ruhigen einatmung liegt unter ihr: das diaphragma, das zwerchfell. es kontrahiert und senkt sich, das volumen des thorax nimmt zu, der intrapleurale druck wird negativer, der alveoläre druck fällt kurz unter den atmosphärischen druck und luft strömt hinein. die lunge folgt dieser bewegung. dass sie folgen kann, hat mit zwei sehr feinen häuten zu tun: pleura visceralis und pleura parietalis. die eine liegt der lunge an, die andere kleidet die innenseite des thorax aus. zwischen ihnen liegt nur wenig flüssigkeit in einem sehr schmalen pleuraspalt. die flächen können aneinander gleiten und bleiben durch die druckverhältnisse zugleich mechanisch gekoppelt.

verbunden genug, um einander mitzunehmen. beweglich genug, um sich nicht festhalten zu müssen.

ich weiß, das ist anatomie. und gleichzeitig ist es für mich wahr über die anatomie hinaus. verbindung braucht beweglichkeit. nähe braucht raum. zwei flächen können einander folgen, ohne miteinander zu verwachsen. ich muss diese bedeutung nicht auf den körper legen. ich finde sie bereits in ihm.

auch das herz lässt sich vom atem nicht wirklich trennen. mit den druckveränderungen im brustkorb verändern sich venöser rückstrom und füllungsverhältnisse des herzens. und selbst die zeit zwischen unseren herzschlägen trägt häufig den rhythmus der atmung in sich. bei der respiratorischen sinusarrhythmie steigt die herzfrequenz typischerweise beim einatmen etwas an und sinkt beim ausatmen wieder. vagale regulation spielt dabei eine wesentliche rolle. atem und herz stehen also nicht einfach nebeneinander. sie bewegen sich ineinander. wenn ich in einem atemraum irgendwann das gefühl bekomme, mein herz sei nicht mehr nur dieser faustgroße muskel im mediastinum, sondern wasser, raum, ozean, dann weiß ich zugleich: selbst physiologisch war dieses herz nie ein isoliertes ding.

tief in der lunge wartet noch eine weitere erstaunliche substanz: surfactant. die alveolen besitzen eine feuchte innenseite. an einer luft-wasser-grenzfläche entsteht oberflächenspannung, die kleine alveolen zum kollabieren bringen könnte. surfactant senkt diese oberflächenspannung, besonders wirkungsvoll bei kleineren alveolen, und trägt dazu bei, sie offen und unterschiedlich große alveolen stabil zu halten. gebildet wird es vor allem von pneumocyten typ II. winzige zellen sorgen also mit dafür, dass diese winzigen räume immer wieder offenbleiben können. selbst offenheit ist im körper keine selbstverständlichkeit. sie wird hergestellt . erhalten . erneuert.

und während wir ein- und ausatmen, fließt fortwährend blut durch diese Landschaft. das rechte herz schickt sauerstoffarmes blut über die pulmonalarterien zur lunge. an den alveolen begegnen sich ventilation und perfusion – luft und blut müssen nicht nur vorhanden sein, sie müssen einander am richtigen ort begegnen. ist eine alveole belüftet, aber kaum durchblutet, kann sie wenig austauschen. ist ein bereich gut durchblutet, aber schlecht belüftet, fehlt dort die andere seite der begegnung. der körper reguliert deshalb auch lokal. sinkt der sauerstoffgehalt in einem alveolären bereich, können sich dort pulmonale gefäße verengen und blut eher in besser belüftete regionen lenken. die lunge ist also keine passive fläche, auf der sauerstoff zufällig ins blut fällt. sie stimmt luft und blut fortwährend aufeinander ab.

vielleicht erscheint mir die lunge deshalb immer weniger wie ein einzelnes organ und immer mehr wie ein ort der begegnung. zwischen außen und innen . luft und blut . herz und welt . bewusstem willen und uralter regulation . aufnehmen und abgeben. wobei selbst außen und innen hier eigenartig werden. die luft in deinen alveolen liegt tief in deinem körper und gehört anatomisch doch noch zu einem raum, der über mund und nase mit der außenwelt verbunden ist. erst an der alveolar-kapillären membran überschreiten sauerstoff und CO₂ diese Grenze. wir zeichnen die haut gern als umriss eines menschen und übersehen dabei, dass wir tief im brustkorb eine riesige gefaltete grenzfläche tragen, an der welt und körper sekunde für sekunde miteinander in kontakt stehen.

ich bleibe gern an diesem gedanken hängen.

die luft, die jetzt in meinen alveolen liegt, war eben noch draußen. vielleicht hat sie über dem meer gelegen. zwischen blättern. in einem anderen brustkorb. ich nehme etwas aus ihr auf und gebe etwas an sie zurück. dann geht sie weiter. ich kann keinen atemzug besitzen. ich kann ihn nur empfangen und wieder freigeben. vielleicht ist der atem deshalb für mich irgendwann zu etwas wesenhaftem geworden. er lebt in mir und gleichzeitig um mich herum und manchmal habe ich das deutliche gefühl, dass es genau andersherum ist und ich in ihm lebe. dass ich ihm irgendwie angehöre.

das sphärische beginnt für mich genau dort. nicht als gedanke über den atem. als erfahrung. ich kenne räume, in denen farben erscheinen. geometrien. bilder. ein wissen aus zeitebenen, die sich nicht ordentlich hintereinanderstellen lassen. ich kenne das erleben, dass etwas durch meinen körper wandert und mein körper bereits weiß, wohin es möchte. ich kenne den atem als wind, als licht, als etwas, das durch eine enge stelle geht, bis sie sich verändert. ich kenne einen ozean im herzen ohne rand. und ich kenne diesen eigenartigen moment, in dem die frage „wo höre ich auf?“ für eine weile keinen sinn mehr ergibt.

das ist für mich wahr. und gleichzeitig möchte ich wissen, was eine carboanhydrase tut.

ich möchte wissen, warum meine hand sich zusammenzieht. warum mein bein krampfen kann. warum CO₂ für meinen atemantrieb so wichtig ist. warum eine alveole offenbleibt. wie sauerstoff an hämoglobin bindet und warum ein veränderter pH beeinflusst, wie bereitwillig dieses hämoglobin ihn wieder freigibt. ich möchte wissen, was mein zwerchfell tut, während ich sonne sehe. was meine hirngefäße tun, während geometrien durch meinen mund wandern. was mein herz tut, während es für mich ozean wird.

nicht um das eine durch das andere zu erklären. um mehr zu sehen.

vielleicht ist ganzheit für mich genau das. dass ich nicht entscheiden muss, welche dieser welten den menschen vollständig erzählt. die anatomie besitzt eine wahrheit. die biochemie besitzt eine. mein unmittelbares körpererleben besitzt eine. und auch jene sphärische wahrnehmung, für die ich manchmal erst viel später worte finde, besitzt eine. eine blutgasanalyse kann mir sagen, wie hoch mein pH und mein CO₂ sind. sie kann mir nicht sagen, wie gelb aussieht, wenn ein herz zu licht wird. meine innere wahrnehmung wiederum kann mir keinen calciumwert nennen. warum sollte eine dieser sprachen deshalb weniger kostbar sein?

vielleicht ist es überhaupt eigenartig, dass wir uns so gern entscheiden möchten. körper oder seele. wissenschaft oder spiritualität. messbar oder unsichtbar. als wäre der mensch verpflichtet, nur in einer welt gleichzeitig zu existieren.

ich erlebe ihn anders.

ich erlebe einen körper, der aus molekülen besteht und erinnerung trägt. einen körper mit chemorezeptoren und inneren landschaften. einen körper, dessen hämoglobin sauerstoff bindet und dessen herz zu einem ozean werden kann. einen körper, der messbar ist und sich trotzdem nie vollständig vermessen lässt.

und vielleicht ist das inzwischen eine meiner formen von spiritualität geworden: genau hinzusehen. nicht weniger genau. genauer. bis auch das vermeintlich nüchterne wissen wieder erstaunlich wird. bis ein partialdruck nicht mehr nur eine zahl ist, sondern etwas, das darüber mitentscheidet, ob sauerstoff eine hauchdünne grenze überschreitet. bis eine alveole wieder das wird, was sie eigentlich ist: ein winziger raum, in dem welt und mensch einander begegnen.

wenn wir mit dem atem arbeiten, arbeiten wir deshalb für mich mit all diesen welten gleichzeitig. mit alveolen und erinnerungen . CO₂ und farben . zwerchfell und geometrien . chemorezeptoren und einem menschen, der für einen moment nicht mehr weiß, wo sein körper endet. wir können den atem beschleunigen und verlangsamen, vertiefen und unterbrechen. wir können mit ihm zustände verändern. ihm folgen. ihn beobachten. über ihn lachen, weinen, sprechen, singen und schreien. und während wir all das tun, bleibt unter unserer erfahrung eine sehr alte physiologie wach. sie misst . gleicht aus . reagiert . schützt. gleichzeitig kann etwas geschehen, das sich dieser sprache entzieht und trotzdem erfahren wird.

ich möchte beides kennenlernen. das sichtbare und das unsichtbare . das messbare und das erfahrene . den körper und das sphärische.

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wieviel welt ist ein mensch?