„I do know how to pay attention.“
— mary oliver, the summer day
ich denke oft darüber nach, was es bedeutet, auf dieser erde zu leben. einen körper zu haben, mit dem wir die welt erfahren können. augen, die farben unterscheiden. hände, die eine frucht halten, ihre oberfläche ertasten, ihre reife erkennen. wie erstaunlich eigentlich, dass wir farben nicht nur sehen, sondern auch essen können.
das tiefe rot einer roten bete. das dunkle purpur eines granatapfels. das grün der kräuter. das gold des olivenöls. jede dieser farben ist aus etwas lebendigem hervorgegangen. aus erde, wasser, sonne und zeit. und irgendwann liegt all das vor uns auf einem tisch.
ich glaube, wir vergessen manchmal, wie viel uns allein dadurch gegeben ist, dass wir hier sind. dass wir riechen, schmecken, berühren können. dass unser körper nicht außerhalb der natur steht, sondern selbst zu ihr gehört.
mary oliver hat in ihren gedichten immer wieder die einfachsten erscheinungen der welt betrachtet. einen grashalm, einen vogel, das licht eines sommertages. ihre aufmerksamkeit galt dem, was bereits da war. ich mag diesen gedanken sehr. dass es nicht immer etwas außergewöhnliches braucht, um etwas außergewöhnliches zu erfahren.
auch das zubereiten einer mahlzeit kann eine solche form der aufmerksamkeit sein. wenn aus einzelnen zutaten etwas neues entsteht, sich farben verändern, düfte aufsteigen, geschmäcker miteinander verbinden.
muhammara ist ein gutes beispiel dafür. ursprünglich aus der levantinischen küche, besonders mit der syrischen stadt aleppo verbunden, wird es traditionell mit gerösteter paprika, walnüssen, olivenöl und der fruchtigen säure des granatapfels zubereitet.
meine variante nenne ich muhammara rosé. anstelle der paprika verwende ich rote bete. dazu die leichte bitterkeit gerösteter walnüsse, die herbe säure des granatapfels, der warme duft des kreuzkümmels und etwas sumach. der dill bringt eine eigene, frische note hinein.
und dann diese farbe. ein tiefes, beinahe unwirkliches magenta.
muhammara rosé · das rezept
rote bete · walnuss · granatapfel · dill
für 4–6 personen als mezze oder vorspeise · vegan · mit glutenfreien bröseln auch glutenfrei
zutaten
400 g rote bete, naturbelassen und vorgekocht
75 g walnusskerne
4 el natives olivenöl extra
1 tl kreuzkümmelsamen
1 große knoblauchzehe
1 el granatapfelmelasse
1 el rotweinessig
½ tl sumach
3 el frische oder getrocknete dillspitzen
1 tl salz, nach geschmack
frisch gemahlener schwarzer pfeffer
3 el paniermehl oder pankobrösel, bei bedarf glutenfrei
zum servieren etwas olivenöl, sumach, dill und nach belieben gehackte walnüsse.
zubereitung
die walnüsse in einer trockenen pfanne rösten, bis sie duften. anschließend die kreuzkümmelsamen kurz anrösten.
die vorgekochte rote bete gut abtropfen lassen und grob schneiden. gemeinsam mit den walnüssen, kreuzkümmel, knoblauch, olivenöl, granatapfelmelasse, essig, sumach, dill, salz und pfeffer zu einer cremigen masse pürieren. die brösel unterrühren und kurz quellen lassen.
abschmecken. je nach süße der roten bete braucht es vielleicht noch etwas säure oder granatapfelmelasse.
in einer schale anrichten, mit olivenöl beträufeln und mit sumach, dill und gehackten walnüssen bestreuen.
aus meiner küche
ich verwende gerne die naturbelassene, vakuumverpackte rote bete. wer etwas mehr zeit hat, kann sie vor dem pürieren mit wenig olivenöl für 15–20 minuten bei 200 °c im ofen rösten. dadurch verliert sie etwas feuchtigkeit und ihr geschmack wird konzentrierter.
die walnüsse würde ich niemals ungeröstet verwenden. ihre wärme und feine bitterkeit sind für mich wesentlich.
am liebsten esse ich muhammara bei zimmertemperatur, mit warmem fladenbrot. direkt aus dem kühlschrank sind die aromen noch etwas zurückhaltend.
luftdicht verschlossen hält sie sich etwa 3–4 tage im kühlschrank.
die freuden, ein mensch zu sein.
manchmal sind sie so einfach wie ein stück warmes brot, das wir in eine schale voller farbe tauchen.
avec fréquence d’amour. Stefanie