koralle · gelb · orange. kefir · honig · müsli · kaktusfeige

von einer pflanze, die nachts ihre türen öffnet

ich würde dir gern erzählen, dass ich heute einfach nur eine kaktusfeige zum frühstück gegessen habe. griechischer kefir, etwas honig, müsli und diese eigenartige frucht, die hier gerade überall wächst. aber inzwischen glaube ich, dass es kaum noch ein „einfach nur essen“ gibt, sobald ich anfange, genauer hinzuschauen. ich schneide sie auf und da liegt koralle vor mir. ein bisschen gelb darin, orange, vielleicht sonne. außen trägt sie ihre kleinen stacheln, innen ist sie weich, beinahe gläsern vor wasser und voller samen. eine pflanze, die aussieht, als hätte sie sehr früh verstanden, dass weichheit und wehrhaftigkeit keine gegensätze sind.

ich esse koralle · ich esse gelb · ich esse orange.

farben sind für mich längst mehr als etwas, das meine augen sehen. ich nehme sie im körper wahr. ich nehme wahr, wie eine farbe in einen raum tritt, wie sie einen menschen umgibt, wie sie sich verändert, wenn menschen miteinander sind. und ich nehme auch wahr, wie farbe, die ich esse, in meinen körper geht. koralle bleibt für mich nicht auf dem teller. etwas davon zieht nach innen und etwas davon strahlt wieder nach außen. koralle trägt für mich liebe und empfindsamkeit, auch verwundete liebe und diese sehr feine stelle, an der ein ich einem du begegnet. gelb kenne ich näher am solarplexus. ich · eigenmacht · wissen · nichtwissen · freude · angst. orange zieht tiefer. in den bauch, ins becken, in die schöpfung, in sinnlichkeit und lebensenergie. dorthin, wo körper weniger darüber spricht, wer wir zu sein glauben, und sehr viel darüber weiß, dass wir leben.

und dann geschieht etwas, das ich sehr liebe: mein seelenwissen trifft mein heilpraktikerinnenherz. denn auch die naturwissenschaft sagt bei dieser frucht: schau auf die farbe. das gelb und orange der kaktusfeige entsteht unter anderem durch betaxanthine, ihre roten bis violetten töne durch betacyanine. beide gehören zu den betalainen. pflanzen stellen diese pigmentmoleküle selbst her. und was für mein auge farbe ist, besitzt auf molekularer ebene die fähigkeit, mit reaktiven sauerstoffverbindungen zu reagieren. diese entstehen auch in uns fortwährend. in den mitochondrien, während wir aus nährstoffen energie gewinnen. bei immunreaktionen. durch enzyme. sie sind teil des lebens und sogar teil unserer zellulären kommunikation. erst ein zu viel kann molekulare strukturen schädigen. deshalb verfügt der menschliche körper über eigene antioxidative systeme und begegnet zugleich mit jeder pflanzlichen mahlzeit einer unüberschaubaren zahl von stoffen, die in dieses chemische geschehen hineinreichen. ich finde das viel interessanter als den satz: antioxidanzien sind gesund. unser körper ist kein stiller behälter, den wir mit guten stoffen füllen. in jeder sekunde laufen reaktionen ab. moleküle geben elektronen ab, andere nehmen sie auf. enzyme bauen auf und ab. membranen lassen etwas passieren und halten anderes zurück. stoffe werden erkannt, verändert, gebunden, ausgeschieden. leben befindet sich chemisch gesehen fortwährend in bewegung.

und mitten darin esse ich koralle.

auch die ballaststoffe der kaktusfeige erzählen eine viel größere geschichte, als ihr etwas unglücklicher name vermuten lässt. pektine und andere pflanzliche fasern binden wasser und verändern im darm die beschaffenheit dessen, was ich gegessen habe. damit verändern sie auch die geschwindigkeit, mit der verdauungsenzyme an ihre arbeit kommen und kohlenhydrate verfügbar werden. ein teil der pflanzlichen fasern gelangt bis in den dickdarm, weil mein eigener körper keine enzyme besitzt, um ihn vollständig zu zerlegen. dort warten andere. bakterien. sie können manches, was ich nicht kann. sie fermentieren einen teil dieser pflanzlichen stoffe und bilden dabei unter anderem kurzkettige fettsäuren. butyrat beispielsweise dient den zellen meiner dickdarmschleimhaut als wichtige energiequelle. etwas aus der kaktusfeige wird also von einem mikroorganismus verwandelt und kann anschließend eine meiner eigenen zellen ernähren. wer ernährt hier eigentlich wen? je genauer man einen körper betrachtet, desto schwieriger wird es für mich, ihn als einzelwesen zu begreifen. ich trage eine ganze gemeinschaft mit mir herum. menschliche zellen, bakterien, ihre stoffwechselprodukte, nahrung, wasser, luft. grenzen überall und gleichzeitig ein ununterbrochener austausch.

und ausgerechnet die opuntie weiß sehr viel über grenzen. sie lebt an orten, an denen wasser kostbar ist. ihre fleischigen sprossglieder speichern es. eine schützende außenhaut vermindert den wasserverlust. doch ihre vielleicht schönste antwort auf trockenheit kann man gar nicht sehen.

sie wartet auf die nacht.

die meisten pflanzen müssen ihre spaltöffnungen öffnen, damit kohlendioxid ins gewebe gelangen kann. dabei verlieren sie wasser. die opuntie verschiebt diesen austausch weitgehend in die kühleren nachtstunden. sie öffnet ihre spaltöffnungen nachts, nimmt kohlendioxid auf und bindet es zunächst in organischen säuren. wenn der tag heiß wird, kann sie ihre türen weitgehend schließen und auf das zurückgreifen, was sie in der dunkelheit gesammelt hat. CAM-photosynthese nennt die botanik diese besondere form des stoffwechsels. sie nimmt in der nacht auf, was sie am tag zum leben braucht. ich könnte nun sagen, was das für mich bedeutet. aber genau dort möchte ich inzwischen vorsichtiger werden. vielleicht muss eine pflanze nicht sofort zur metapher für mein menschsein werden. vielleicht darf ich erst einmal neben ihr sitzen und sehen, was sie tatsächlich tut. sie öffnet sich, wenn öffnung weniger kostet. sie bewahrt wasser. sie trägt stacheln. sie sammelt in der dunkelheit. sie wartet. und dann, irgendwann, macht sie etwas beinahe verschwenderisches.

sie trägt frucht.

weich · süß · wasserreich · koralle · gelb · orange · voller samen. und plötzlich interessiert mich die frage, wo diese frucht eigentlich begonnen hat. im roten boden? im wasser, das die pflanze festgehalten hat? in der nachtluft, aus der sie kohlendioxid aufgenommen hat? in der griechischen sonne, deren energie in ihren chloroplasten chemisch gebunden wurde? eine kaktusfeige besteht auch aus landschaft. und wenn ich sie esse, begegnen sich für einen moment zwei sehr alte verwandlungen. die pflanze hat licht, luft, wasser und erde in pflanzenkörper verwandelt. mein körper wird einen teil dieses pflanzenkörpers wiederum in seine eigenen bewegungen hineinnehmen. vielleicht ist das der grund, warum mich essen immer weniger nur als ernährung interessiert. es ist beziehung. welt geht durch welt. und heute morgen geschieht das in koralle · gelb · orange.

kefir · honig · müsli · kaktusfeige

für eine schale nehme ich etwa 200 g naturkefir, eine reife kaktusfeige, eine handvoll müsli und etwas honig. die kaktusfeige längs aufschneiden – wegen der feinen glochidien am besten nicht mit bloßen händen anfassen –, das fruchtfleisch aus der schale lösen und in stücke schneiden. kefir in eine schale geben, müsli und kaktusfeige darauf verteilen und etwas honig darübergeben.

ich mag hier kefir besonders gern. auch er ist ein verwandlungsprodukt. milchsäurebakterien und hefen fermentieren milch, bauen einen teil der lactose ab und bilden dabei unter anderem milchsäure und aromastoffe. aus milch wird etwas Neues, weil andere lebewesen an ihrer verwandlung beteiligt waren. je nach kefir sind sie sogar noch darin lebendig, wenn ich ihn esse. und so sitzt in dieser sehr einfachen frühstücksschale plötzlich eine kleine gemeinschaft aus pflanze · bakterien · hefen · mensch.

und irgendwo dazwischen ein löffel honig oder 2 oder 3.

avec fréquence d’amour · stefanie

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