weiße bohnen · tahin · walnuss · von der beweglichkeit der seele

ich frage mich, ob eine seele eigentlich sesshaft werden kann.

der mensch kann es offensichtlich. er findet einen ort, stellt einen tisch hinein, kauft irgendwann die zweite gleiche tasse, kennt den weg zum bäcker und weiß nach einigen jahren ziemlich genau, was er mag und was er nicht mag. er findet einen beruf, eine art sich anzuziehen, menschen, mit denen er sein leben verbringt, vielleicht ein land, eine sprache, eine küche. aus vielen einzelnen entscheidungen entsteht allmählich etwas, das wir mein leben nennen. daran ist etwas sehr schönes. ich mag vertrautheit. ich mag dinge, die durch wiederholung tiefer werden. einen weg, den die füße kennen. ein messer, dessen griff in die hand passt. einen menschen, dessen schritte man im nebenzimmer erkennt. und trotzdem frage ich mich, ob wir manchmal eine merkwürdige verwechslung begehen. ob wir das, woran wir uns gewöhnt haben, irgendwann für das halten, was wir sind.

ein mensch kann vierzig jahre lang morgens denselben weg nehmen. er kann vierzig jahre denselben beruf ausüben und am sonntag dasselbe essen kochen. vielleicht ist genau das sein leben und vollkommen richtig für ihn. vielleicht würde seine seele, wenn man sie fragen könnte, sagen: ja. genau hier. noch einmal. mich interessiert auch die andere möglichkeit. was, wenn sie eines morgens nach links gehen möchte? nicht weil rechts falsch geworden ist. einfach weil dort etwas liegt, das sie noch nicht kennt.

vielleicht braucht ein mensch deshalb manchmal fremde dinge. ein wort, dessen bedeutung er erst nachschlagen muss. eine gewürzmischung, die seine küche für einen nachmittag anders riechen lässt. eine landschaft, in der seine augen keine abkürzungen kennen. einen menschen, dessen vorstellung vom leben nicht in die eigene passt. damit das eigene wieder ränder bekommt. denn grenzen haben eine sonderbare eigenschaft: man bemerkt sie häufig erst, wenn man an ihnen entlangstreicht. ich glaube, wir stellen uns freiheit gern als etwas grenzenloses vor. vielleicht ist sie viel kleiner und körperlicher. vielleicht beginnt sie dort, wo eine grenze beweglich bleibt. wo ein satz wie „so bin ich“ noch eine tür besitzt.

kinder scheinen das zu wissen. sie können am vormittag tierärztin sein, nach dem mittagessen ein drache und am abend jemand, der unter dem küchentisch wohnt. niemand von ihnen empfindet darin einen widerspruch. erst später werden wir gebeten, aus den vielen möglichen wesen eines auszuwählen und dieses möglichst überzeugend zu bewohnen. name. beruf. lebenslauf. adresse. die welt fragt erstaunlich früh: was willst du einmal werden? als wären wir es noch nicht. vielleicht wäre die interessantere frage: was möchte sich durch dich alles erfahren?

die welt erscheint mir weniger wie eine ansammlung von orten und mehr wie ein ungeheures angebot an wahrnehmung. es gibt geschmäcker, die meine zunge noch nie berührt haben. sprachen, deren laute mein mund noch nie geformt hat. arten zu feiern, zu trauern, brot zu backen, tee einzuschenken, häuser zu bauen, einander zu begrüßen. menschen haben in verschiedenen gegenden derselben erde vollkommen unterschiedliche antworten auf dieselben einfachen fragen gefunden: was essen wir? wie teilen wir? was tun wir mit einem gast? was wärmt? was bewahren wir für den winter auf? was stellen wir in die mitte des tisches?

vielleicht reist eine seele auch deshalb gern. nicht unbedingt mit einem flugzeug. manchmal reichen zweihundertfünfzig gramm weiße bohnen. heute führen sie mich in eine türkische küche. tahin kommt dazu, kreuzkümmel, zitrone, walnüsse, heißes öl mit minze und paprika. ich kann dieses gericht kochen, ohne so zu tun, als gehörte mir seine herkunft. andere küchen erinnern mich daran, dass die welt lange vor mir voller wissen war und nach mir weiter sein wird. ich darf für einen abend gast darin sein.

vielleicht ist gastsein überhaupt eine unterschätzte form des menschseins. ein gast besitzt den raum nicht. er betritt ihn aufmerksam. er schaut, wie hier die dinge getan werden. er kostet. er fragt. er lässt sich etwas zeigen. und wenn er wieder geht, trägt er etwas davon mit sich, ohne dass es deshalb seines geworden sein muss. vielleicht könnte man so auch durch ein leben gehen. mit genügend heimat, um irgendwo ganz anzukommen, und genügend fremde, um sich selbst nicht für abgeschlossen zu halten.

ich möchte meiner seele hin und wieder etwas zu trinken geben, das sie noch nicht kennt. schönheit vielleicht. fremdheit. einen anderen rhythmus. eine unbekannte straße. einen geschmack, für den sie noch keine erinnerung besitzt. mich interessiert, wer noch alles in diesem einen menschen wohnt, wenn ich aufhöre, ihm immer nur dasselbe leben vorzusetzen.

weiße bohnen · tahin · walnuss

für etwa 2–3 personen als mezze

250 g weiße bohnen, gekocht und abgetropft

3 el tahin

2 el pflanzlicher naturjoghurt

½ knoblauchzehe

1 kleine frühlingszwiebel

einige blätter frische minze

1–2 tl zitronensaft

1 tl salz

½ tl schwarzer pfeffer

1 tl kreuzkümmel

1 gute handvoll walnüsse

für das warme paprika-minz-öl

ca. 3 el olivenöl

1 tl vegane butter, optional

1 tl edelsüßes paprikapulver

1–2 tl getrocknete minze

zum abschließen

etwas edelsüßes paprikapulver

fein geschnittene frühlingszwiebel

fein abgeriebene schale einer bio-zitrone

einige walnüsse

nach lust etwas frische minze

die weißen bohnen mit einer gabel grob zerdrücken. ich mag sie unregelmäßig, sodass ein teil bereits cremig wird und einige bohnen noch ganz bleiben. tahin, pflanzlichen naturjoghurt, zitronensaft, salz, schwarzen pfeffer und kreuzkümmel dazugeben und alles miteinander vermengen. die halbe knoblauchzehe sehr fein hacken. einen teil der frühlingszwiebel und die frische minze ebenfalls sehr fein schneiden und unter die bohnen heben. abschmecken. die masse darf ruhig kräftig sein, denn das warme öl kommt später noch dazu.

die walnüsse grob hacken und in einer trockenen pfanne kurz rösten, bis sie duften. herausnehmen und beiseitestellen. für das paprika-minz-öl olivenöl und nach lust etwas vegane butter bei kleiner hitze erwärmen. das edelsüße paprikapulver und reichlich getrocknete minze hineingeben und nur kurz im warmen öl aufblühen lassen. die gewürze sollen duften, ohne dunkel zu werden.

die bohnen auf einen teller oder in eine flache schale geben und mit dem löffel kleine mulden und wellen hineinziehen.die gerösteten walnüsse darüberstreuen. das warme paprika-minz-öl großzügig darüberlaufen lassen, sodass es sich in den vertiefungen sammelt. zum schluss noch etwas edelsüßes paprikapulver und fein geschnittene frühlingszwiebel darüberstreuen und die zitronenschale direkt über dem teller fein abreiben. sie bringt nicht nur frische, sondern auch dieses kleine leuchtende gelb zwischen rot, grün und dem hellen beige der bohnen.

dazu warmes fladenbrot manakish und am besten einen tisch, an dem noch jemand sitzt.

avec fréquence d’amour · stefanie

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