feenringe · pfifferlingsgold · eine sauce aus dem wald
es gibt eine sonderbare stelle zwischen mir und der welt, an der die trennung aufhört. ich meine den mund. der mund ist auch beim atmen sehr magisch, aber das ist wiederum ein anderes thema. und zwischen zwei menschen, die sich nah begegnen, ebenfalls. überhaupt scheint der mund eine gewisse begabung für schwellen zu besitzen.
pilze übrigens auch.
vielleicht haben menschen sie deshalb mit so vielen sonderbaren geschichten umgeben. sie wachsen nicht so, wie wir uns das wachsen angewöhnt haben. kein samen, den wir in die erde legen und später wiedererkennen. kein stängel, der sich langsam erhebt. keine knospe, deren werden wir beobachten können. lange ist da nichts und am nächsten morgen steht etwas im moos. ich kann verstehen, weshalb man früher annahm, an solchen stellen müsse in der nacht etwas geschehen sein.
pilzringe galten als orte, an denen feen getanzt hatten, elfen ihre kreise zogen oder andere wesen unterwegs gewesen waren, deren existenz tagsüber weniger leicht zu beweisen war. wer einen solchen ring betrat, geriet für einen augenblick in eine andere ordnung. die zeit konnte dort anders vergehen. was innen eine nacht gewesen war, waren draußen vielleicht jahre. ich mag solche erzählungen, weil sie verraten, dass menschen einmal bereit waren, einem stück waldboden mehr als eine einzige wirklichkeit zuzutrauen. vielleicht haben wir diese fähigkeit ein wenig verlernt.
wir sind sehr gut darin geworden, die dinge bei ihren namen zu nennen. cantharellus cibarius. pfifferling. mykorrhizapilz. wir können beschreiben, mit welchen bäumen er lebt, welche stoffe ausgetauscht werden und weshalb das, was ich pflücke, nur sein fruchtkörper ist. ich liebe dieses wissen. und gleichzeitig geschieht etwas merkwürdiges, sobald ich im wald tatsächlich vor einem stehe: keine dieser erklärungen reicht bis ganz an ihn heran.
da ist einfach dieses gelb. mitten im grün und braun des waldes. als hätte jemand beschlossen, an genau dieser stelle ein kleines stück gold durch die oberfläche treten zu lassen.
vielleicht beginnt das wunderliche überhaupt dort, wo etwas vollständig erklärbar sein kann und trotzdem nicht aufhört, geheimnisvoll zu sein. lange dachte ich, ein geheimnis sei etwas, dessen erklärung uns fehlt. inzwischen glaube ich, manche dinge werden durch ihre erklärung nur noch erstaunlicher. ein pilz zum beispiel.
wir nennen das, was unter der erde geschieht, myzel, und plötzlich besitzt das unsichtbare einen namen. aber es wird dadurch keinen deut weniger seltsam. ein wesen lebt über weite strecken verborgen und zeigt sich gelegentlich in kleinen goldenen körpern über der erde. ich weiß inzwischen einiges darüber und habe trotzdem das gefühl, ihm kaum näher gekommen zu sein. deswegen besuche ich ihn so oft. und ich bemerke, die zeit vergeht anders. als würde ich in ein zeitloch fallen. momente kommen mir wie stunden vor. das hab ich gern.
vielleicht wussten die alten geschichten davon auf ihre eigene art. der feenring muss kein beweis für feen sein, damit etwas an ihm wahr bleibt. vielleicht erzählt er von einer menschlichen erfahrung, für die wir heute weniger worte haben: dass es orte und augenblicke gibt, an denen unsere vertraute ordnung kurz ihre selbstverständlichkeit verliert. ein wald kann so ein ort sein. ein traum. ein atemzug. die nähe eines anderen menschen. manchmal sogar eine küche.
ich sammle pfifferlinge und erlebe etwas davon im kleinsten maßstab. zuerst sehe ich keinen einzigen. dann einen. ich gehe in die hocke. daneben steht noch einer. hinter dem moos noch zwei. plötzlich ist der ganze waldboden voller hinweise. nichts hat sich verändert. außer meiner fähigkeit, es zu sehen.
pfifferlingsgold · eine sauce aus dem wald
für etwa 4 personen
500 g frische pfifferlinge
1 kleine schalotte
1 kleine knoblauchzehe
2 el olivenöl oder vegane butter
100 ml trockener weißwein, optional
200 ml kräftige gemüsebrühe
200 ml hafer cuisine
1 tl tamari
1 tl dijonsenf
1 kleiner zweig thymian
1–2 tl zitronensaft
schwarzer pfeffer
salz
frische petersilie
etwas vegane butter oder olivenöl
die pfifferlinge sehr sorgfältig putzen und größere der länge nach teilen. ich wässere sie möglichst wenig. sie saugen schnell wasser auf und verlieren dabei etwas von diesem konzentrierten, beinahe pfeffrigen waldgeschmack, den ich an ihnen so mag.
schalotte sehr fein schneiden und in olivenöl oder veganer butter langsam glasig werden lassen. knoblauch kurz dazugeben. die hitze erhöhen, die pfifferlinge hineingeben, salzen und kräftig anbraten. zunächst lassen sie wasser. ich warte, bis es wieder verschwunden ist, und gebe ihnen dann noch einige minuten. sie dürfen leichte röststellen bekommen.
mit weißwein ablöschen und fast vollständig reduzieren lassen. gemüsebrühe, tamari, dijonsenf und thymian dazugeben und etwa 10 minuten offen einkochen.
hafer cuisine einrühren und bei kleiner hitze weiterköcheln lassen, bis die sauce cremig wird und nach pfifferlingen schmeckt, nicht nach sahne. mit salz, schwarzem pfeffer und wenig zitronensaft abschmecken. zum schluss etwas vegane butter oder olivenöl und frische petersilie dazugeben.
avec fréquence d’amour, Stefanie