die schilddrüse · über ein kleines organ, das mit dem ganzen menschen spricht

ich hatte einmal eine pathologielehrerin namens griselda. sie konnte über krankheiten sprechen, als wären sie keine fehler im system, sondern kreative ideen, auf die ein lebender organismus gekommen war. bei morbus basedow sagte sie einmal sinngemäß: schaut einmal, wie kreativ dieses wesen ist. denn bei morbus basedow geschieht tatsächlich etwas, das beinahe erfunden klingt. der körper bildet antikörper, die an einen rezeptor passen, der eigentlich auf ein hormon wartet. sie setzen sich dort hin und können eine ähnliche botschaft überbringen. ein anderer absender. dieselbe tür. und plötzlich beginnt eine kleine drüse im hals mehr hormone herzustellen, obwohl die stelle im gehirn, die sie normalerweise dazu auffordert, keinen auftrag gegeben hat.

um zu verstehen, wie erstaunlich das ist, müssen wir zuerst ein wenig zurückgehen. in den hals. dort liegt unterhalb des kehlkopfes die glandula thyroidea, die schilddrüse. sie besteht aus zwei lappen, lobus dexter und lobus sinister, verbunden durch den isthmus glandulae thyroideae. ein kleines organ, das wir die meiste zeit weder sehen noch spüren und das trotzdem an Vorgängen im ganzen Körper beteiligt ist. stoffwechsel, wärmeproduktion, herzschlag, verdauung, nervensystem, wachstum und entwicklung stehen unter dem einfluss ihrer hormone. wenn man ihr gewebe unter dem mikroskop betrachtet, findet man kleine kugelförmige räume, die folliculi thyroidei. dort entsteht etwas, das später durch den ganzen menschen reisen wird.

die schilddrüse braucht dafür iod. sie nimmt es aus dem blut auf und verbindet es mithilfe eines enzyms, der thyreoperoxidase, mit bestandteilen des thyreoglobulins. daraus entstehen schließlich ihre beiden bekanntesten hormone: T4, thyroxin, und T3, triiodthyronin. T4 wird in größerer menge abgegeben und kann in verschiedenen geweben in das wirksamere T3 umgewandelt werden. ich mag diesen gedanken. etwas, das wir über die nahrung aus der welt aufnehmen, gelangt in eine kleine drüse unseres halses, wird dort Teil eines Hormons und beginnt wenig später in Zellen weit entfernt von diesem Hals mitzuwirken. der mensch kann diese hormone nicht einfach aus sich allein heraus erschaffen. er braucht etwas von draußen. wir essen, trinken, atmen und sind fortwährend damit beschäftigt, welt in körper zu verwandeln. ein apfel hört irgendwann auf, apfel zu sein. wasser überschreitet unsere schleimhäute. sauerstoff aus der luft gelangt in unser blut. iod wird teil eines hormons. wo genau hört in all diesen vorgängen die welt auf und fange ich an? wir nennen einen großen teil davon stoffwechsel. ich finde dieses wort inzwischen beinahe wörtlich schön. stoff wechselt. welt wird mensch. mensch wird irgendwann wieder welt.

die schilddrüse arbeitet dabei keineswegs allein. über ihr liegt eine kleine kette von nachrichten. der hypothalamus im gehirn bildet TRH, das thyrotropin releasing hormone. damit spricht er die hypophyse an. deren vorderlappen, die adenohypophyse, schickt daraufhin TSH, das thyreoidea-stimulierende hormon, ins blut. TSH reist zur schilddrüse, findet dort seinen rezeptor und sagt gewissermaßen: arbeite. die schilddrüse antwortet mit T3 und T4. sind genügend schilddrüsenhormone vorhanden, melden sie zurück nach oben und die ausschüttung von TSH wird gedrosselt. ein gespräch zwischen gehirn und hals, das ein leben lang geführt wird, ohne dass wir einen einzigen satz davon hören.

ich mag rückkopplungssysteme. die physiologie ist voll davon. etwas spricht und etwas anderes antwortet. die antwort verändert wiederum denjenigen, der zuerst gesprochen hat. vielleicht ist ein körper überhaupt weniger ein ding als ein gespräch. wir sagen so selbstverständlich mein körper, als wäre damit geklärt, wer dort das sagen hat. dabei warten überall zellen auf nachrichten anderer zellen. hormone reisen. nerven feuern. blut transportiert. enzyme zerlegen und verbinden. das immunsystem prüft. die niere misst. das herz antwortet. kein einzelnes organ könnte für sich Mensch sein. auch aus unserem übrigen leben kennen wir solche bewegungen. ich betrete einen raum und verändere ihn ein wenig. der veränderte raum wirkt auf mich zurück. ein mensch sieht mich an und mein körper antwortet auf diesen blick, manchmal bevor ich überhaupt weiß, was ich von ihm halte. vielleicht sind wir viel weniger abgeschlossen, als unsere haut vermuten lässt.

und dann gibt es den rezeptor. auch ihn finde ich erstaunlich. er besitzt keine augen und erkennt trotzdem. etwas kommt an, passt, bindet und löst eine reaktion aus. biochemisch können wir ziemlich genau beschreiben, was dabei geschieht, und trotzdem bleibt für mich eine andere frage übrig: wie erkennt leben? wie erkennt eine zelle, was sie angeht? wie erkennt ein immunsystem eigen und fremd? wie erkennt ein mensch einen vertrauten menschen zwischen hundert anderen körpern auf einem bahnsteig? natürlich sind das vollkommen verschiedene arten des erkennens. ich möchte sie nicht miteinander verwechseln. ich finde nur erstaunlich, wie oft leben davon abhängt, dass etwas etwas anderes erkennt.

bei morbus basedow wird genau dieses erkennen besonders interessant. das immunsystem bildet autoantikörper gegen den TSH-rezeptor, sogenannte TSH-rezeptor-antikörper. stimulierende formen davon können den rezeptor aktivieren. sie geben der schilddrüse damit ein signal, das der Wirkung von TSH ähnelt. T3 und T4 steigen. die hypophyse bemerkt die hohen schilddrüsenhormonspiegel und fährt ihr eigenes TSH herunter. eigentlich müsste damit Ruhe einkehren. nur hält sich der autoantikörper nicht an dieses Gespräch. er gehört nicht zur normalen Rückkopplung zwischen hypophyse und schilddrüse. die schilddrüse hört weiterhin: arbeite. vielleicht war es genau das, was griselda damals meinte. wie kreativ ist dieses wesen.

ich weiß noch, wie sehr mich dieser gedanke berührte. krankheit erschien mir dadurch für einen moment in einer weiteren dimension. sie blieb krankheit. sie kann leiden verursachen, gefährlich werden und medizinische behandlung benötigen. und gleichzeitig zeigte sie etwas von der ungeheuren möglichkeit biologischer systeme. der körper kann sich irren und dabei etwas von unglaublicher präzision hervorbringen. ein antikörper entsteht, erkennt eine Struktur, bindet an sie und löst tatsächlich eine Wirkung aus. nur ist diese Wirkung an dieser Stelle nicht hilfreich. diesen widerspruch finde ich bis heute bemerkenswert.

und dann gibt es hashimoto. wahrscheinlich ist die hashimoto-thyreoiditis heute sehr viel mehr menschen ein begriff. auch sie ist eine autoimmunerkrankung der schilddrüse, ihre bewegung ist jedoch eine andere. das immunsystem richtet sich gegen strukturen des schilddrüsengewebes. entzündungsprozesse schädigen nach und nach die follikelzellen. häufig lassen sich antikörper gegen die thyreoperoxidase, TPO-AK, und gegen thyreoglobulin, Tg-AK, nachweisen. im verlauf kann funktionsfähiges gewebe verloren gehen, die schilddrüse kann kleiner werden und atrophieren und irgendwann nicht mehr genügend hormone herstellen. dann entsteht eine hypothyreose, eine unterfunktion. T4 sinkt und die hypophyse versucht gegenzusteuern, indem sie mehr TSH ausschüttet. wieder dieses gespräch. wieder antwortet ein teil des körpers auf einen anderen.

umgangssprachlich könnte man beinahe sagen: der körper frisst seine eigene schilddrüse auf. medizinisch ist es komplizierter. bei hashimoto richtet sich eine fehlgeleitete immunreaktion gegen bestandteile des schilddrüsengewebes, entzündung entsteht und über längere zeit kann gewebe zugrunde gehen und die schilddrüse kleiner werden, atrophieren. und natürlich beginnen genau hier auch die anderen fragen, die mich interessieren. was bedeutet dieses geschehen für einen menschen? wie erlebt er seinen hals, seine stimme, seinen stoffwechsel, seine kraft? gibt es zeiten im leben, in denen etwas eng geworden ist? etwas ungesagt blieb? welche geschichte erzählt dieser mensch selbst über seine erkrankung? ich mag solche fragen. ich glaube sogar, dass wir etwas vom menschen verpassen, wenn wir sie gar nicht stellen. nur möchte ich die antwort nicht schon kennen, bevor ich gefragt habe. aus „der körper richtet sich gegen eigenes gewebe“ wird sonst erstaunlich schnell „du richtest dich gegen dich selbst“. aus der schilddrüse wird eine botschaft, aus der botschaft eine deutung und irgendwann sitzt da ein mensch, dem erklärt wird, er habe seine krankheit durch mangelnde selbstliebe, ungelebte wahrheit oder die falsche innere ausrichtung hervorgebracht. dabei ist hashimoto eine komplexe autoimmunerkrankung, an deren entstehung unter anderem genetische, immunologische, hormonelle und umweltbezogene faktoren beteiligt sind. vielleicht besitzt eine erkrankung trotzdem eine persönliche, seelische oder spirituelle dimension. vielleicht erzählt der körper auf mehr als einer ebene. genau das finde ich interessant. doch wenn der körper eine sprache hat, möchte ich ihm zuhören, bevor ich ihm meine worte in den mund lege.

mich interessiert eine andere stelle. wie fein muss ein system gebaut sein, damit es überhaupt zwischen eigen und fremd unterscheiden kann? wir leben, weil unser immunsystem grenzen ziehen kann. und manchmal geraten diese grenzen durcheinander. an diesem punkt endet für mich die medizinische erklärung und eine menschliche frage darf beginnen, ohne sich als ursache der krankheit auszugeben. denn auch wir verbringen einen erstaunlichen teil unseres lebens damit herauszufinden, was eigentlich zu uns gehört. dieser gedanke? dieses gefühl? diese angst? dieses bild von mir? ist es meines? wurde es irgendwann auf mich gelegt? habe ich es übernommen? wo endet der andere und wo beginne ich? vielleicht dürfen medizin und spiritualität genau so nebeneinander sitzen. die eine erklärt einen biologischen vorgang. die andere stellt eine frage an das menschsein. keine muss die andere beweisen.

manchmal denke ich deshalb, der körper ist ein ziemlich eigenartiger ort, um ein mensch zu sein. wir erleben uns als ein ich und bestehen doch aus einer ungeheuren gemeinschaft. organe, gewebe, zellen, bakterien, botenstoffe, elektrische impulse, flüssigkeiten. etwas entsteht im gehirn und wirkt im hals. etwas wird im hals gebildet und verändert das herz. ein hormon reist im blut und findet irgendwo einen rezeptor, der auf genau diese nachricht gewartet hat. alles ist getrennt genug, um eine eigene aufgabe zu haben, und verbunden genug, dass kaum etwas folgenlos für den rest bleibt. vielleicht ist das eine der schönsten Lektionen der Physiologie: Ganzheit bedeutet im Körper keineswegs Gleichheit. Eine Leber muss kein Herz werden. Eine Nervenzelle keine Schilddrüsenzelle. Gerade weil sie verschieden sind, können sie gemeinsam dieses eine Wesen bilden.

wenn ich heute meine hand an meinen hals lege, spüre ich meine schilddrüse nicht ( was ganz normal ist übrigens, wenn wir sie spüren ist es ein hinweis auf eine pathologische veränderung). ich spüre haut. vielleicht meinen puls. meinen kehlkopf beim schlucken. darunter liegt dieses kleine organ und führt sein leben. es nimmt iod auf. baut hormone. speichert sie. gibt sie frei. hört auf TSH. antwortet. wird von hypothalamus und hypophyse beobachtet und wirkt selbst auf dieses system zurück. seine hormone reisen durch meinen körper, während ich einkaufen gehe, schlafe, jemanden liebe, einen text schreibe oder aus dem fenster schaue.

physiologie berührt mich. weil sie mir zeigt, wie ungeheuer viel leben geschieht, während ich glaube, ich wäre gerade diejenige, die lebt. und irgendwo darin höre ich griselda noch einmal sagen: wie kreativ ist dieses wesen. ja so ist es.

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die lunge · wenn die welt eng wird

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vom wesen der verdauung · wie die welt zu uns wird