granola · jardin cosmique
samen · blüten · rose · geometrie
manchmal denke ich beim kochen an die alte vorstellung, dass materie erinnerung trägt. dass eine pflanze mehr in sich hält als ihre messbaren bestandteile. ihre form, ihre farbe, die landschaft, aus der sie kommt, sonne, wasser, jahreszeit. darin liegt etwas von jenem lemurischen wissen, in dem der mensch sich als teil der lebendigen welt erfahren hat und pflanzen, wasser und nahrung auch über ihre feinen qualitäten wahrgenommen wurden.
samen sind dafür eigenartige kleine körper. äußerlich beinahe unscheinbar und im inneren auf zukunft ausgerichtet. eine ganze pflanze liegt als möglichkeit in ihnen. wurzel, stängel, blatt, blüte. noch ist nichts davon sichtbar und doch trägt der samen bereits die ordnung, aus der all das entstehen kann.
in der chinesischen medizin begegnet uns ein verwandter gedanke. samen, kerne und nüsse sind stark verdichtete pflanzliche substanz. vieles, was eine pflanze für ihre nächste generation gesammelt hat, liegt in ihnen konzentriert. deshalb werden zahlreiche samen und kerne in der chinesischen diätetik und materia medica mit nähren, befeuchten und bewahren verbunden. ihre jeweilige wirkung ist dabei verschieden.
leinsamen heißt in der chinesischen materia medica yà má zǐ. traditionell wird er als ölreicher samen beschrieben, der trockenheit befeuchtet und besonders den darm unterstützt. schon beim einweichen lässt sich diese qualität unmittelbar sehen: um den samen entsteht eine weiche, schleimige hülle. wasser wird gehalten und gebunden.
hanfsamen, huǒ má rén, besitzt ebenfalls eine lange geschichte in der chinesischen materia medica. auch er ist ölreich und wird traditionell eingesetzt, um trockenheit zu befeuchten und den darm zu unterstützen. ich mag an ihm diese unscheinbare fülle: ein winziger samen, weich und nussig im geschmack, mit einer erstaunlichen dichte an fett und eiweiß.
dort beginnt für mich die alchemie dieses granolas. samen, nüsse, süße und öl werden erwärmt. einzelne körper verbinden sich. flüssiges wird klebrig, klebriges wird fest, die wärme nimmt wasser und erzeugt knusprigkeit. aus vielen kleinen formen entsteht zunächst eine große zusammenhängende fläche.
mich interessiert dabei die geometrie. jede mandel folgt einer form, jeder samen einer anderen. selbst dort, wo wir nur ein kleines braunes korn sehen, hat die natur längst eine genaue ordnung hineingelegt. form ist sichtbar gewordene bewegung. etwas unsichtbares organisiert materie, bis daraus körper wird. vielleicht berührt sich dieser gedanke mit der alten vorstellung, dass jede form eine qualität verhüllt und zugleich offenbart.
die blüten kommen erst am ende. sie brauchen das feuer nicht mehr. blau, rosa, gelb, violett. farbe tritt in die dunkle, geröstete masse wie licht in materie. ich streue sie auch deshalb darüber, weil schönheit für mich eine wirkende kraft ist. sie verändert die aufmerksamkeit. und was wir aufmerksam betrachten, essen wir anders. beim essen und im leben ist das so. auf dem dunklen, gerösteten grund erscheinen sie wie kleine farbkörper. fast wie eine landschaft von oben betrachtet. samen, bruchlinien, blüten, leere räume. jardin cosmique.
farbe verändert eine speise, bevor wir sie gegessen haben. das auge nimmt sie auf, lange bevor der mund weiß, wie etwas schmeckt.
das rosenwasser verbindet diese welt mit dem duft. wenige tropfen reichen, um den charakter der gesamten mischung zu verschieben. kaum sichtbare materie und eine deutlich wahrnehmbare wirkung. ich mag solche verhältnisse. sie erinnern daran, dass größe und wirkung selten dasselbe sind.
zutaten
300 g geschrotete leinsamen
180 g gehackte mandeln
120 g hanfsamen
ca. 12–14 el honig oder reissirup
6 tl kokosöl
3 tl vanille
6 tl rosenwasser
6 prisen salz
getrocknete essbare blüten nach lust
zubereitung
die mandeln in einer großen pfanne langsam rösten, bis sie beginnen zu duften. hanfsamen und leinsamen dazugeben und einige minuten mitrösten. du kannst die samen natürlich ganz nach gefühl variieren. mit schwarzem sesam schmeckt es auch besonders gut.
honig oder reissirup, kokosöl und vanille direkt in die warme pfanne geben und weiterrühren, bis sich die süße um samen und mandeln legt und alles miteinander verbindet. salz und rosenwasser dazugeben.
die masse auf ein mit backpapier belegtes blech geben und locker verteilen. nicht vollkommen glatt streichen. kleine erhebungen, ränder und unregelmäßigkeiten dürfen bleiben.
bei 150 °c ober-/unterhitze etwa 10–12 minuten backen. gegen ende gut beobachten, bis die masse dunkelgolden und geröstet ist.
vollständig auskühlen lassen. erst dann die getrockneten blüten darüberstreuen und das granola mit den händen in größere und kleinere stücke brechen.
ich bewahre mein granola in einer tupperdose im gefrierfach auf. so bleibt es wunderbar knusprig. kurz vor dem essen herausnehmen. es lässt sich ganz leicht lösen und kann direkt verwendet werden.
zuerst verbinden sich viele kleine formen zu einer großen. später brechen wir sie wieder auseinander. jedes stück bekommt seine eigene kontur. kein bruch gleicht dem anderen. dazwischen liegen samen und blüten wie kleine zeichen einer ordnung, die sich nie vollkommen wiederholt. jardin cosmique.
bon appétit · avec fréquence d’amour, Stefanie