manakish · za’atar · verbindung
manakish ist so ein brot, das für mich schon nach gemeinsam essen aussieht, bevor überhaupt jemand am tisch sitzt. warm aus dem ofen, mit den händen auseinandergerissen, za’atar und olivenöl an den fingern. vielleicht liegt es an seiner form, vielleicht daran, dass fladenbrot in so vielen gegenden dieser welt seit sehr langer zeit weniger als einzelportion gedacht wird als als etwas, das in die mitte kommt. eines für dich. eines für mich. eines noch dazu, falls jemand kommt. ich mag essen, das diese möglichkeit schon in sich trägt.
za’atar passt dazu. thymian, sumach, sesam. drei dinge, die für sich schon eine eigene geschichte haben und miteinander etwas ergeben, das keinem von ihnen allein gehört. und während ich sie mische, frage ich mich manchmal, ob verbindung immer so funktioniert. ob wir überhaupt irgendwo vollkommen für uns existieren oder ob das, was wir ein ich nennen, viel durchlässiger ist, als wir glauben. vielleicht entsteht ein mensch auch zwischen menschen. in den räumen, die sich öffnen, wenn einer auf einen anderen trifft. denn ich bin mit dir eine andere als ohne dich. nicht weil ich mich verstelle. vielleicht gerade weil durch deine anwesenheit etwas von mir sichtbar werden kann, das ohne dich keinen grund gehabt hätte, hervorzutreten.
das ist ein interessanter gedanke. dass bestimmte teile unseres wesens möglicherweise einen anderen menschen brauchen, um überhaupt in erscheinung treten zu können. dass es in mir eine form von zärtlichkeit geben kann, die erst durch dich eine sprache bekommt. einen mut, für den es vorher keinen anlass gab. eine wut, die sehr lange geschlafen hat. eine tiefe, in die ich alleine nie hinabgestiegen wäre. vielleicht sogar eine bestimmte art zu lachen, die nur mit einem einzigen menschen auf dieser welt existiert. wer bin ich dann? nur das, was ich alleine von mir kenne? oder gehören zu meinem ganzen wesen auch all jene versionen meiner selbst, die erst in beziehung sichtbar werden?
vielleicht liegt darin eines der großen missverständnisse über beziehungen. wir suchen darin gern den anderen und begegnen dabei fortwährend auch uns selbst. manchmal einem teil, den wir mögen. manchmal einem, von dem wir überzeugt waren, ihn längst hinter uns gelassen zu haben. ein mensch kann uns mit einem einzigen satz an einen ort in uns führen, zu dem wir allein keinen zugang gefunden hätten. und plötzlich sitzen da zwei am küchentisch und sprechen über irgendeine kleinigkeit, während unter dem tisch gewissermaßen ganze welten aufeinander reagieren. erinnerungen. sehnsüchte. alte schutzbewegungen. körperwissen. bilder davon, wie liebe auszusehen hat. bilder davon, wann man gehen muss. bilder davon, wie nah ein anderer kommen darf. vielleicht begegnen sich deshalb niemals nur zwei menschen. mit uns kommen all jene an den tisch, die uns beigebracht haben, was nähe bedeutet. diejenigen, die geblieben sind. diejenigen, die gegangen sind. diejenigen, bei denen wir gelernt haben uns klein zu machen und diejenigen, bei denen wir zum ersten mal bemerkt haben, wie viel raum wir eigentlich einnehmen.
und manchmal geschieht in einer wirklichen begegnung etwas, das all diese alten bilder für einen moment übersteigt. da sieht mich jemand und ich muss mich in seinem blick weder erklären noch verteidigen. vielleicht ist gesehenwerden überhaupt etwas viel größeres, als wir daraus gemacht haben. denn wenn ein mensch etwas in mir erkennt, das ich selbst noch nicht sehen konnte, schenkt er mir gewissermaßen einen weiteren ausschnitt meiner eigenen landschaft. niemand kann sich selbst von allen seiten betrachten. vielleicht brauchen wir einander auch deshalb. damit der eine dem anderen erzählen kann, was er von seinem platz aus sieht.
das würde auch erklären, warum manche begegnungen so tief in uns weiterarbeiten. selbst wenn eine beziehung endet, endet ihre bewegung nicht mit ihr. manches verstehen wir erst jahre später. manches, das ein mensch in uns berührt hat, wird erst in einer ganz anderen beziehung sichtbar. und manches geben wir weiter, ohne zu wissen, dass es einmal zu uns gekommen ist. vielleicht trägt ein mensch eine zärtlichkeit seiner großmutter in sich, gibt sie einem kind weiter, dieses kind berührt damit dreißig jahre später einen anderen menschen und keiner von ihnen kennt noch den anfang dieser bewegung. wo wäre dann der anfang? und wem gehörte diese zärtlichkeit überhaupt?
vielleicht sind beziehungen deshalb weniger linien zwischen zwei menschen und eher weit verzweigte systeme. etwas fließt hinein, etwas verändert seine form, etwas zieht weiter. wir sind darin empfangende und sendende wesen zugleich. und vielleicht bedeutet verbunden zu sein auch, verantwortung dafür zu übernehmen, was durch uns weitergeht. denn wir geben einander viel mehr als unsere worte. wir geben einander arten zu schauen. arten zuzuhören. arten, einen raum zu betreten. wir können einem menschen beibringen, sich in unserer gegenwart zusammenzuziehen. wir können ihm eine erfahrung davon schenken, wie es sich anfühlt, mit seinem ganzen wesen da sein zu dürfen. beides kann lange weiterleben.
und irgendwann komme ich zurück zu thymian, sumach und sesam in meiner kleinen schale. jeder trägt seine landschaft mit sich, seinen boden, seine sonne, seine geschichte. ich mische sie und keiner muss dafür aufhören, das zu sein, was er ist. vielleicht mag ich za’atar genau deshalb so gern. weil darin etwas sehr Einfaches über verbindung liegt: dass eigenheit und berührung einander nicht ausschließen. dass etwas ganz bei sich sein und sich trotzdem verändern lassen kann. und dass aus einer begegnung etwas entstehen kann, das vorher in keinem der beteiligten allein vorhanden war.
vielleicht ist das sogar eine der schöneren möglichkeiten, über liebe nachzudenken. dass sie zwischen uns etwas hervorbringen kann, das es ohne dieses zwischen niemals gegeben hätte.
für 6 manakish
325 g weizenmehl, type 550 oder 1050
etwas zusätzliches mehl zum ausrollen
1 päckchen trockenhefe, 7 g
1 tl zucker
1 tl salz
3 el olivenöl
190 ml lauwarmes wasser
für oben
za’atar
olivenöl
hefe und zucker im lauwarmen wasser auflösen und etwa 10 minuten stehen lassen, bis sich kleine bläschen zeigen. mehl und salz in einer großen schüssel mischen, eine mulde hineindrücken und hefewasser und olivenöl hineingeben. alles zu einem teig verbinden und etwa 10 minuten kneten, bis er glatt und elastisch ist. zurück in die schüssel geben, zudecken und ungefähr eine stunde an einem warmen ort gehen lassen.
den backofen auf 200 °c vorheizen und zwei bleche mit backpapier auslegen. den teig in sechs stücke teilen, zu kugeln formen und anschließend ungefähr 1 cm dick und etwa 15 cm groß ausrollen. auf die bleche legen, großzügig mit za’atar bestreuen und mit etwas olivenöl beträufeln. etwa 12 minuten backen, bis die ränder leicht goldbraun werden und das brot noch weich ist. warm essen. am liebsten in die mitte des tisches legen und teilen.
avec fréquence d’amour, Stefanie