netz aus gold | abhandlung über pfifferlinge
ich glaube, der wald besitzt ein leben, das sich große mühe gibt, von uns übersehen zu werden. vielleicht ist mühe dabei das falsche wort, denn dem myzel scheint ziemlich gleichgültig zu sein, ob wir von seiner existenz wissen. es lebt unter unseren füßen, zieht seine fäden durch erde, laub und morsches holz, verschwindet unter steinen, begegnet wurzeln, teilt sich, wächst weiter und bildet ein reich, von dem wir meistens erst dann etwas bemerken, wenn irgendwo ein pilz aus dem boden kommt.
ich sammle gerade viele pfifferlinge. sie stehen gelb im moos, manchmal einzeln, meistens verrät einer den nächsten und plötzlich sehe ich überall gold, wo wenige augenblicke zuvor einfach nur waldboden war. ich habe dann immer ein wenig das gefühl, dass nicht mehr pilze da sind als vorher, sondern meine augen eine andere sprache gelernt haben. wobei der pfifferling selbst nur der sichtbare teil der geschichte ist. darunter beginnt das myzel.
es besteht aus hyphen, hauchdünnen fäden, die wachsen, sich verzweigen und wieder verzweigen, bis aus einem faden viele werden und aus vielen etwas entsteht, bei dem die frage, wo genau dieses wesen eigentlich anfängt und wo es aufhört, zunehmend schwierig zu beantworten ist. ein pilz besitzt keinen stamm, der sagt: hier bin ich. keine krone, an der man seine größe ablesen könnte. sein körper kann sich weit durch den boden ziehen und an verschiedenen stellen gleichzeitig sein. das gefällt mir. vielleicht weil wir menschen unseren körpergrenzen so sehr vertrauen. das myzel tut das weniger.
es wächst durch seine welt, indem es ihr begegnet. an den spitzen seiner hyphen wird wahrgenommen, chemisch geprüft, aufgenommen und geantwortet. findet ein faden eine günstige richtung, wächst er weiter. trifft er auf etwas anderes, verändert er seinen weg. teile können sich verbinden, andere sterben ab, während das geflecht als ganzes weiterlebt. es gibt keinen kleinen pilzkopf irgendwo unter der erde, der den anderen sagt, was als nächstes zu tun ist. und trotzdem entsteht ordnung.
das ist die magie des myzels wie ich es wahrnehme. es weiß verteilt.
während wir wissen gern an einem ort vermuten, vorzugsweise im kopf und dort möglichst ordentlich abgelegt, lebt das wissen des myzels in seinen begegnungen. jeder faden nimmt wahr, was unmittelbar vor ihm liegt, und aus unzähligen solchen kleinen wahrnehmungen entsteht die bewegung eines viel größeren wesens.
dabei ist es keineswegs still. durch pilzhyphen laufen elektrische veränderungen. wasser und gelöste stoffe bewegen sich durch das geflecht. chemische signale verändern Wachstum und Verhalten. wir hören davon nichts, weil wir für diese art von gespräch keine passenden ohren besitzen. vielleicht nennen wir etwas überhaupt erstaunlich schnell still, sobald es nicht in unserer sprache spricht.
auch der waldboden klingt. über dem myzel rauschen bäume, unter ihrer rinde steigt wasser durch leitungsbahnen nach oben, holz trägt schwingung, wurzeln wachsen und überall bewegt sich etwas durch etwas anderes. darunter zieht das myzel seine feinen linien hindurch und lebt in einer welt aus feuchtigkeit, chemie, druck, stoffwechsel und berührung. ich frage mich manchmal, wie diese welt wahrgenommen würde, wenn wir für einen augenblick die sinne eines pilzes hätten.
vielleicht wäre ein baum dann kein brauner stamm mit grüner krone. vielleicht wäre er eine riesige quelle von zucker, wasser, mineralien und chemischen informationen. ein regentag wäre keine graue wetterlage, sondern eine veränderung des gesamten raumes. ein morscher ast wäre keine tote sache, sondern ein gedeckter tisch. entfernung würde vielleicht anders funktionieren, weil etwas, das für uns einen meter entfernt liegt, über einen eigenen faden längst mit dem eigenen körper verbunden sein kann.
und dann gibt es diese besondere begegnung zwischen myzel und baumwurzel. bei pfifferlingen gehört sie zum leben. ihre myzelien bilden mykorrhiza mit bäumen. pilz und wurzel kommen einander so nahe, dass ein austausch beginnt: der baum gibt kohlenstoffverbindungen aus seiner photosynthese weiter, der pilz erschließt wasser und mineralstoffe aus dem boden. sonne wird zucker, zucker wandert unter die erde, wasser bewegt sich durch pilzfäden und wurzeln und irgendwann steht ein goldgelber pfifferling im moos. ich komme mit meinem korb vorbei und nenne ihn fund.
wahrscheinlich müsste das myzel darüber lachen. der pfifferling war schließlich nie verloren. er ist nur für eine kurze zeit sichtbar geworden. das mag ich am sammeln gerade deshalb so sehr. ich gehe durch den wald und suche nach den kleinen stellen, an denen das unsichtbare leben über die erde tritt. einer steht unter farn. drei weitere im moos. etwas weiter hinten noch einer. und sobald meine augen sich auf dieses gelb eingestellt haben, beginnt der ganze waldboden anders auszusehen. gold ist dann keine farbe mehr. es ist eine spur.
ich nehme einige davon mit nach hause, putze erde und nadeln aus ihren lamellen und lege sie in gläser. das myzel bleibt im wald und arbeitet weiter. das gefällt mir ebenfalls. denn so nehme ich nie das ganze wesen mit. nur seine kleinen goldenen grüße über der erde.
pfifferlinge im netz aus gold
für etwa 2 gläser à 300 ml
500 g frische pfifferlinge
150 ml tamari (wenn glutenfrei) oder sojasauce
100 ml wasser
2 el reisessig oder milder apfelessig
2, 3, 4 scheiben frischer ingwer
1 kleine knoblauchzehe, fein geschnitten
1 kleine getrocknete chili oder etwas frische chili
etwas olivenöl zum abschließen
zubereitung
die pfifferlinge sorgfältig putzen. kurz mit wasser abbrausen und anschließend gut abtrocknen. größere exemplare kannst du halbieren, die kleinen dürfen ganz bleiben.
einen topf mit salzwasser aufkochen und die pfifferlinge darin etwa 1–2 minuten blanchieren. abgießen und gut abtropfen lassen.
tamari, wasser, essig, ingwer, knoblauch und chili in einen kleinen topf geben und etwa 3–5 minuten sanft köcheln lassen.
die noch warmen pfifferlinge in sehr saubere gläser füllen und vollständig mit der heißen marinade bedecken. darauf achten, dass möglichst alle pilze unter der flüssigkeit liegen. ich gieße noch ein wenig öl hinein, so bleiben die pilze ganz klar unter der oberfläche. verschließen, abkühlen lassen und an einen dunklen ort stellen.
nach ein paar tagen haben sie die marinade aufgenommen und schmecken tiefer, dunkler, salziger, beinahe so, als hätte das umami eine eigene tonlage bekommen.
wichtig: da dieses rezept nicht als geprüftes einkochverfahren gedacht ist, würde ich die gläser gekühlt aufbewahren und zeitnah genießen, statt eine mehrwöchige haltbarkeit zu versprechen. aber um ganz ehrlich zu sein. ich habe sie noch nie im kühlschrank aufbewahrt und sie haben sie haben sich wunderbar gehalten. das letzte habe ich nach einem jahr genossen und es hat wunderbar köstlich geschmeckt.
avec fréquence d’amour · aus dem netz aus gold, Stefanie