vom leerer werden | fladenbrot mit sumach & schwarzkümmel

das fasten ist eine der wenigen tätigkeiten, bei denen wir etwas tun, indem wir etwas lassen.

das klingt einfacher, als es ist, denn der mensch ist ziemlich gut im hinzufügen. wir essen, wenn wir hunger haben. wir trinken, wenn wir durst haben. wir suchen wärme, wenn uns kalt ist, gesellschaft, wenn wir uns einsam fühlen, antworten, wenn eine frage auftaucht. selbst eine stille minute bekommt schnell musik, ein telefon, ein buch oder wenigstens einen gedanken darüber, was wir als nächstes tun könnten. wir sind wesen der zufuhr und vielleicht ist das ganz natürlich, weil leben schließlich davon lebt, dass etwas in etwas anderes eintritt. licht in die pflanze. sauerstoff in die lunge. wasser in die zelle. nahrung in den körper. eindrücke in das bewusstsein.

und dann gibt es zeiten, in denen der mensch die hand zurückzieht. er könnte essen und tut es nicht. genau darin liegt für mich der unterschied zwischen hungern und fasten. dem einen fehlt etwas, das andere beginnt mit einer entscheidung. die nahrung wäre da. der körper könnte sie aufnehmen. die hand könnte zugreifen. und irgendwo zwischen dem verlangen und seiner erfüllung wird ein kleiner raum frei.

zuerst antwortet darauf der körper. er kennt das fasten gut. viel besser vermutlich als unser kopf, der schon beim gedanken an ein ausgelassenes frühstück etwas nervös werden kann. über sehr lange zeiträume der menschlichen entwicklung gehörten essen und nichtessen zusammen. kein körper wurde unter der voraussetzung gebaut, dass alle paar stunden etwas neues in ihm ankommt. deshalb besitzt er speicher und deshalb kann er zwischen verschiedenen formen der energieversorgung wechseln. nach einer mahlzeit wird aufgenommen. glucose kommt ins blut, insulin steigt, energie wird verwendet und gespeichert. ein teil der glucose wird zu glykogen verbunden und in leber und muskeln aufgehoben. fett findet seine speicherorte. aminosäuren werden dort eingesetzt, wo der körper sie benötigt. wenn nichts nachkommt, dreht sich diese bewegung langsam um. die leber öffnet ihre glykogenspeicher und hält glucose für jene gewebe bereit, die sie brauchen. mit zunehmender dauer werden fettreserven stärker zugänglich. fettsäuren verlassen die fettzellen, die leber kann daraus ketonkörper herstellen und der körper beginnt deutlicher von dem zu leben, was er vorher aufgehoben hat. ich habe das bild unserer speicher wie eine erinnerungen an das spätere. der körper hat etwas behalten, obwohl er es in dem augenblick nicht brauchte. nun ist dieses später gekommen.

auch in den zellen wird währenddessen sortiert, zerlegt und wiederverwendet. einer dieser vorgänge heißt autophagie. autós und phagein. selbst und essen. sich selbst essen. zellen können eigene bestandteile abbauen und deren bausteine erneut verwenden. beschädigte strukturen können auf diese weise beseitigt, stoffe wieder in den kreislauf des lebendigen zurückgeführt werden. nährstoffmangel beeinflusst jene signalwege, die an solchen vorgängen beteiligt sind, auch wenn der mensch daraus inzwischen gern eine sehr ordentliche fastenuhr macht und behauptet, nach einer bestimmten anzahl von stunden würde die große innere reinigung beginnen. so ordentlich scheint mir das leben selten zu sein. die leber wartet schließlich auch nicht auf eine fastenkur, bevor sie ihre arbeit aufnimmt. die nieren filtrieren nicht erst, wenn wir aufhören zu essen. die lunge gibt mit jedem ausatmen kohlendioxid ab. der darm scheidet aus. zellen bauen auf und ab, während wir schlafen, essen, spazieren gehen, lachen oder gerade überhaupt nicht darüber nachdenken. der körper reinigt sich fortwährend.

eventuell besteht die möglichkeit, dass reinigen also etwas anderes bedeutet, als wir denken. wir stellen uns darunter gern vor, dass etwas hinaus muss. schlacken. gifte. ballast. als gäbe es irgendwo im menschen einen alten dachboden, auf dem der körper alles abstellt, wofür er gerade keine zeit hatte. mich interessiert eine andere form der reinigung. die des klarer werdens. wasser kann trüb sein, weil sehr viel darin schwimmt. erde, sand, kleine teilchen. stellt man das glas hin und lässt es eine weile in ruhe, beginnt sich etwas zu setzen. das wasser hat dabei nichts gelernt. niemand hat ihm erklärt, wie es klar werden soll. es wurde nur eine bewegung unterbrochen. vielleicht kann man das fasten auch so betrachten. als unterbrechung.

denn wenn die nahrung für eine weile ausbleibt, erscheint irgendwann etwas, das mit nährstoffen erstaunlich wenig zu tun hat. der wunsch zu essen. und der ist ein eigenartiges wesen. manchmal wohnt er im magen. manchmal in der nase. manchmal beginnt er um vier uhr nachmittags, weil um vier uhr nachmittags immer etwas süßes kommt. manchmal sieht er aus wie eine scheibe brot, manchmal wie ein kaffee, manchmal braucht er überhaupt keinen bestimmten geschmack und möchte einfach, dass etwas geschieht. essen kann trösten. beschäftigen. belohnen. beruhigen. verbinden. eine pause herstellen. eine leere füllen. einen tag ordnen. ein fest eröffnen. eine erinnerung zurückbringen. all das steckt mit am tisch. wenn wir essen, merken wir davon wenig. der wunsch taucht auf, die hand bewegt sich und kurz darauf ist er erfüllt. erst wenn die hand einmal liegen bleibt, kann man ihm länger begegnen. da ist hunger. da ist verlangen. da ist gewohnheit. da ist vielleicht unruhe. und da ist jemand, der all das bemerkt.

das finde ich am fasten beinahe interessanter als die ketonkörper. wer bemerkt eigentlich, dass ich hunger habe? wir sagen: ich habe hunger. wir sagen auch: ich bin hungrig. zwei beinahe gleiche sätze und doch liegt eine ganze welt zwischen ihnen. in dem einen besitzt der mensch einen zustand. im anderen wird er für einen augenblick zu ihm. vielleicht geschieht das ständig. ich bin müde. ich bin traurig. ich bin wütend. ich brauche. ich will. körperliche empfindungen, gefühle und gedanken ziehen durch uns hindurch und bekommen dabei sehr schnell unseren namen. fasten kann daraus eine eigentümliche kleine forschungsanordnung machen. der impuls erscheint und wird für eine weile nicht beantwortet. was macht er dann? wird er größer? wird er kleiner? verändert er seine form? verschwindet er und kommt wieder? und bin ich noch da, wenn er gegangen ist?

irgendwo dort liegt vermutlich der grund, weshalb fasten seit so langer zeit mit spiritueller arbeit verbunden ist. nicht weil ein leerer magen heiliger wäre als ein voller. auch hunger kann einen menschen vollkommen mit sich beschäftigen. vielleicht sogar mehr als jedes essen. doch bewusster verzicht kann etwas sichtbar machen, das in der ständigen erfüllung verborgen bleibt. die bewegungen, die uns bewegen.

man könnte den menschen vielleicht als ein wesen betrachten, das gleichzeitig auf verschiedenen ebenen lebt. da ist der physische körper mit seinem stoffwechsel, seinen organen und bedürfnissen. da ist eine emotionale welt, die begehrt, ablehnt, liebt, fürchtet, erinnert und sich bindet. da ist der denkende mensch, der benennt, vergleicht, plant und aus allem sehr gern eine geschichte macht. und vielleicht gibt es etwas, das all diese bewegungen wahrnehmen kann, ohne mit jeder von ihnen vollständig identisch zu sein.

wenn das so wäre, bekäme reinigung noch eine andere bedeutung. was müsste dann überhaupt gereinigt werden? vielleicht weniger der körper als die sicht. weniger ein hinauswerfen als ein unterscheiden. was ist körper? was ist gewohnheit? was ist verlangen? was ist angst? was ist wirklich notwendig? was wurde nur so oft wiederholt, dass es sich inzwischen wie notwendigkeit anfühlt? und was bleibt übrig, wenn für eine weile weniger dazwischenkommt?

ich glaube, deshalb lässt sich auch an dingen fasten, die man nicht essen kann. an geräuschen. an worten. an bildern. an nachrichten. an der eigenen meinung. vielleicht sogar an der gewohnheit, jede wahrnehmung sofort erklären zu wollen. der mund ist schließlich nur eine der stellen, an denen welt in uns eintritt. die augen nehmen den ganzen tag auf. die ohren. die haut. unser denken verschlingt informationen, bilder, sätze, erinnerungen und möglichkeiten und produziert daraus schon die nächsten. wir sind viel seltener leer, als wir glauben.

leer ist möglicherweise das falsche wort. denn sobald weniger von außen kommt, wird das innere nicht zwangsläufig still. manchmal wird es zunächst lauter. plötzlich hören wir, was vorher von all der zufuhr übertönt wurde. das könnte die schwierigere seite der reinigung sein. klarheit bedeutet schließlich nicht immer, dass einem gefällt, was man sieht.

vielleicht braucht es deshalb die freiwilligkeit. ein bewusstes hineingehen und ein bewusstes wieder herauskommen. fasten ist kein wettbewerb darin, wie wenig ein mensch braucht. ein körper hat grenzen. er braucht wasser, mineralstoffe, energie, proteine, fette, kohlenhydrate und all die kleinen stoffe, aus denen er fortwährend sich selbst erhält. auch das ist eine form von geistigkeit, finde ich. materie ernst zu nehmen. den körper nicht zu überwinden, sondern ihn so genau wahrzunehmen, dass man seine sprache wieder von all den anderen stimmen unterscheiden lernt.

und irgendwann wird wieder gegessen. vielleicht gehört dieser augenblick genauso zur reinigung wie der verzicht. die hand greift wieder. der mund öffnet sich. geschmack kommt zurück. etwas, das draußen war, darf wieder hinein. vielleicht schmeckt die welt nach einer zeit des verzichts ein wenig deutlicher. oder anders. es kann sehr spannend sein.

deshalb gehört zu einer zeit des fastens immer auch die zeit danach. das erste wasser. der erste geschmack. etwas warmes in den händen. ein brot, das auseinandergerissen wird und von einer hand zur nächsten geht. nach dem bewussten verzichten bekommt das einfache wieder gewicht.

fladenbrot mit sumach & schwarzkümmel

dieses fladenbrot stammt aus der familie jener brote, die während des ramadan zum fastenbrechen auf den tisch kommen. ich backe es vegan, mit pflanzlichem skyr im teig, schwarzkümmel und sumach auf der oberfläche. der skyr macht den teig weich und etwas dichter, der schwarzkümmel bringt seinen dunklen, würzigen geschmack hinein und der sumach diese besondere säure, die fast ein wenig nach zitrone schmeckt und doch ganz bei sich bleibt.

ich mag es warm, wenn die oberfläche gerade farbe bekommen hat und die körner nach dem backen stärker duften als vorher. manchmal mit einer suppe. mit hummus, oliven, tomaten, kräutern. manchmal einfach auseinandergebrochen und geteilt. nach all den gedanken über das weglassen also etwas sehr einfaches. wieder essen.

zutaten

500 g weizenmehl

7 g trockenhefe

1 tl zucker/ birkenzucker

1½ tl salz

200 g vegane skyr-alternative auf sojabasis

ca. 180–200 ml lauwarmes wasser

2 el olivenöl

für die oberfläche

2 el vegane skyr-alternative

1–2 el wasser

1 el olivenöl

schwarzkümmel

sumach

etwas grobes salz

zubereitung

mehl, trockenhefe, birkenzucker und salz in einer großen schüssel vermischen. veganen skyr, olivenöl und zunächst 180 ml lauwarmes wasser dazugeben und alles zu einem weichen teig verbinden. je nachdem, wie fest dein skyr ist und wie viel wasser dein mehl aufnimmt, noch etwas wasser dazugeben. der teig darf weich sein und leicht an den händen kleben.

einige minuten kneten, bis er glatter und elastischer geworden ist. die schüssel abdecken und den teig an einem warmen ort etwa 60–90 minuten gehen lassen, bis er deutlich an volumen gewonnen hat. den teig auf ein mit backpapier belegtes blech geben und mit leicht geölten händen zu einem großen runden oder ovalen fladen drücken. dabei nicht allzu viel luft herausdrücken. noch einmal etwa 20–30 minuten ruhen lassen.

den backofen auf 220 °c ober-/unterhitze vorheizen. skyr, wasser und olivenöl verrühren. die fingerspitzen hineintauchen und damit ein rautenförmiges oder kreisförmiges muster tief in den teig drücken. die restliche mischung dünn über die oberfläche streichen und großzügig schwarzkümmel, sumach und ein wenig grobes salz darübergeben. das brot etwa 15–20 minuten backen, bis es goldbraun ist. aus dem ofen nehmen und kurz unter einem sauberen, nassen küchentuch ruhen lassen. das ist wie eine kleine aufmerksamkeit für das brot. innen wird es wolkenweich und aussen so schön knusprig. das tuch etwa 2-3 minuten auf dem gebackenen brot liegen lassen. dann gegen ein trockenes tuch austauschen und etwas nachruhen lassen.

noch warm auf den tisch ist es ein wahres liebesgedicht. für zunge, nase, ohr und herz und auge.

avec fréquence d’amour, stefanie

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